Presse

(Falls die Rezension nur in der gedruckten Ausgabe erschienen ist oder aus anderen Gründen online nicht mehr darauf zugegriffen werden kann, wird auf eine Kopie der Rezension auf dieser Webseite verlinkt.)


Presse Schwebstoff für 9 Stimmen

Maria Ossowski für Deutschlandfunk / rbb online / MDR Kultur am 28.8.22 (Transskript der Radiosendung)

Philosophisch-Poetisches über Aerosole: “Schwebstoff” in der Villa Elisabeth

Seit Beginn der Corona-Pandemie erfreuen sich Aerosole unserer gesteigerten Aufmerksamkeit. Das Vokalensemble “The Present” hat den winzigen Schwebeteilchen jetzt ein eigenes Stück gewidmet. Maria Ossowski war bei der Uraufführung von “Schwebstoff” in der Berliner Villa Elisabeth dabei.

Die Tochter der Luft ist die Stimme. Dieser poetische Gedanke des Autors und Komponisten Moritz Gagern durchzieht sein erstes, ziemlich außergewöhnliches Vokalwerk. Was verbindet Luft, Atem, Staub, Viruslasten, Himmel und Leben? Was geschieht, wenn unsere Atmosphäre acht Minuten ohne Luft existiert, weil ein Sonnensturm sie durchdringt? Wir existieren dann nicht mehr. Es überleben im Werk „Schwebstoff für neun Stimmen“ drei Tiefseetaucherinnen und vielleicht eine Aeronautin unter ihrem Heliumballon. Nach dieser Dystopie finden sich acht Sängerinnen und Sänger, die sich Acht Alveolen nennen, zusammen. Sie engagieren für ihr Ensemble eine Aerosolmanagerin. Sie weiss, dass Vokale eine höhere Viruslast ausstoßen können als Konsonanten, dass Zischlaute irgendwo dazwischen liegen und stellt den Chor dementsprechend auf. Hohe Stimmen nach hinten, sie bergen höhere Gefahren als tiefe Stimmen. Und bitte lüften, immer wieder lüften. Die Sängerinnen und Sänger öffnen die Fenster der herrlichen Altbauvilla in Berlin Mitte, Luft, die Mutter der Stimme, strömt hinein….Was zunächst zusammenhanglos klingt, die Apokalypse und der Chor zu Covidzeiten, das fügt sich über die Gesänge des Vokalensembles. Über Choräle und Passionsklänge bis hin zu den Beatles und ihr berühmtes Because.

Die Aerosolmanagerin erzählt von der Kulturgeschichte der Luft, von Mythen und Sagen. Vom Pesthauch, den mittelalterliche Experten einer bestimmten Sternenkonstellation zuordneten. Vom Weltatem, den Isolde besingt. Vom Einatmen in der Partitur, von Schwebstoffen, die leichter sind als Luft. 

Moritz Gagern, der Librettist und Komponist, lebt in Berlin, hat Kammeropern geschrieben, Konzerte für Maerzmusik, er ist Dramaturg auf Festivals wie der Ruhrtriennale. Das Vokalensemble The present mit zwei Sopranen, zwei Altistinnen, zwei Tenören und zwei Baritonsängern hat sich 2017 gegründet und verbindet Alte und Neue Musik, Barock und Zeitgenössisches. Das Solistenensemble arbeiten ohne Dirigat. Der Klang ist überwältigend schön, dicht, harmonisch, weit und intim gleichermaßen. Man muss sich einlassen auf die philosophisch-poetischen Gedankenflüge des Textes, der weit mehr umfasst als die Existenzfragen der Chöre, der Sängerinnen und Sänger zu Coronazeiten. Atem ist Leben, die Stimme braucht den Atem, Schall und Luft ergänzen einander. Der Atem bleibt in der  Schwebe. Das Publikum schwebte mit in den anderthalb Stunden und feierte das Werk, die Künstler und den Schall, der in die Berliner Abendluft entschwebte.


Presse Wagner for Sale

Tagesspiegel / Süddeutsche Zeitung / Berliner Zeitung/Frankfurter Rundschau / B.Z. / rbb

  1. Tagesspiegel

Helden im Ausverkauf
“Wagner for Sale“ an der Neuköllner Oper.

von Sybill Mahlke

Dauernd klingelt das Telefon in der munteren Tonfolge von Siegfrieds Hornruf. Das nervt Sekretärin Hilde Brün, weil die Anrufer sie mit Wünschen nach Fan-Artikeln zuschütten, die sie kaum versteht: „Wie kann man ein ganzes Buch über einen Akkord schreiben?“ Die Unermesslichkeit des Themas schließt seine Eignung für Satire ein.
Es muss eine Liebe zu Richard Wagner sein, die einem heutigen Komponisten den Devotionalienhandel „Wagner for Sale“ zu dessen 200. Geburtstag diktiert. Moritz Gagern heißt er und hat bereits „Hacking Wagner“ in München musikalisiert, wo er auch Dramaturg des „Babylon“-Projekts von Peter Sloterdijk und Jörg Widmann an der Bayerischen Staatsoper ist.
Ein philosophischer Kopf mit Jazzausbildung.
Gagerns listiges kleines Musiktheater kommt an der Neuköllner Oper als seine zweite Zusammenarbeit nach „Lovesick“ mit der Choreographin Sommer Ulrickson heraus. Sie führt Regie und spielt (als Hilde) auch mit, neben der Sängerin Olivia Stahn, dem Schauspieler Christian Bo Salle und dem Komponisten selbst, der in dieser Eigenschaft für technische Zuckungen des Wagner-Kosmos mit Repetitionsneigung sorgt, eine magische, irritierende Begleitmusik.
Die Bühne stellt das Büro der Firma „Ring und Gral“ dar, und Hilde gerät in Trance, wenn sie Töne hört, die sie zu immergleichen Motionen verführen: „Selige Öde.“ Mitunter sind die Klangbeispiele, die sich wohl überwiegend an Insider wenden, so kurz, dass beim Hören heiteres Wagnerraten einsetzt. Oder sie wiederholen sich, als sei die Platte kaputt. Und ewig hämmern die Nibelungen. Bald ist die kleine Truppe zwischen Devotionalien, Umzugskartons, Kostümen, Helm und Schwert, „Revolution“-Schrift und Kostümen total gestört. Missverständnisse, Theaterrequisiten, Gartenzwerg, die Sängerin in Herrenunterwäsche verfremdet den Tenorpart des Siegmund, während beide Frauenstimmen Brünnhildes Flehen „Der diese Liebe mir ins Herz gehaucht“ verdoppeln in Richtung Dienstmädchenterz. Das ruft Rezeptionsgeschichte wach. Die vier Performer, nun ganz in unbeflecktem Weiß, singen als Finaleffekt überraschend abrupt: „Grüße mir Wälse und alle Helden!“ Keine Weiterrede. Punktum!


2. Süddeutsche Zeitung

Mythen sind Devotionalien
Die Neuköllner Oper Berlin seziert die Wagner-Welten

von Wolfgang Schreiber

Gut, dass es neben den erprobten Operntankern Berlins die kleine freche Neuköllner Oper gibt, wo regelmäßig aus der Reihe getanzt wird. Immerhin mit knapp 300 Vorstellungen im Jahr, 75 Prozent Auslastung. Opernkunst im aufgestiegenen Berliner Problembezirk Neukölln agiert haarscharf am Alltag entlang. Dort feiert man jetzt den runden Geburtstag des Komponisten Richard Wagner – mit der Musiktheater-Farce “Wagner for sale”, genannt auch “ein Devotionalienhandel”.
Wer das sehen und hören will, muss über eine knarrende Holztreppe den vierten Stock des Gebäudes Karl-Mark-Straße 131-133 erklimmen, in dem sich das Kino “Passage” befindet. Hier findet in einer winzigen Theaterkammer für vielleicht 70 Zuschauer statt, was sich als “Institut für postneurotische Oper” zu erkennen geben will, also das ziemlich genaue Gegenteil zum Festspielhaus in Bayreuth. Wie dort fliegt uns hier Wagner um die Ohren, allerdings nur vom Band und in Form hektisch geschnittener Klangfetzen aus Leit- und Leidmotiven, als Parodie und Karikatur der Wagnerschen Schwert-, Speer- und Welterlösungsdramen.
Fast gibt es so etwas wie einen Plot: Die Musikalienfirma “Ring und Gral” sieht sich überschwemmt mit Wunschen nach Wagnerraritäten und Fanartikeln, die nervösen Mitarbeiter im Büro landen inmitten ihrer Bücher und Notenstapel immer wieder in der Traumwelt von Wotan, Fricka & Co. am Ende im Chaos ratternder Text- und Tonzitate. Das Telefon nervt mit Siegfrieds Hornruf, und Sekretärin Hilde gerät jedes Mal außer sich, wenn Wagners Melodien erklingen, sie holt das gestische Potenzial des Überdrehten und Überspannten in Wagners Musik mit wilden Verrenkungen hervor, wie es keine Opernaufführung so zuckend-grotesk zeigen kann.
Der junge Münchner Komponist Moritz Gagern, der nach einer Jazzausbildung Philosophie studierte und an der Bayerischen Staatsoper Dramaturg der “Babylon”-Oper war, hat das alles arrangiert und zusammen mit der kalifornischen Choreografin und Performerin Sommer Ulrickson aus Berlin den einstündigen Wagner-Hexensabbath entworfen, den beide auf der Bühne heroisch durchexerzieren, zusammen mit einem Schauspieler (Christian Bo Salle) und einer Sopranistin (Olivia Stahn). Sie singt, brünnhildenhaft, immer dann stur wie eine Aufziehpuppe, wenn sie ihren Ring am Finger trägt, sie verstummt ruckartig, sobald er ihr entwendet wird.
Im Quartett der Versatzstücke werden so gut wie alle Fragen nach Wagners Weltanschauung gestellt – der Revoltuionär, der Antisemit, der Erlösungsmystiker, der Mythenchemiker, der Wahntechniker. Gut, dass wenigstens die Neuköllner Oper den Panoramablick auf Wagner von schräg unten anbietet. Und dass sie den Wagnerkult so vorbildlich schreddern kann.


3. Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung

Neuköllner Oper: Wagner for Sale

Von Clemens Haustein

Mit “Wagner for Sale” läuft in der Neuköllner Oper eine urkomische, ziemlich abgedrehte Bühnenshow, die sich zum 200. Jubiläum der Themen des Dichters annimmt. Sechzig Minuten Nonsense, Situationskomik und Spaß formen eine gelungene Parodie.

Es gehört zum Schicksal der Welterklärer, dass die Welt, die sie soeben erklärt haben, ihnen nicht nur mit dankbarer Bewunderung antwortet, sondern auch mit Spott. Es bleibt wohl dabei: Jeder kann immer nur seine eigene Welt erklären, und sobald er Allgemeingültigkeit beansprucht, begibt er sich auf glattes Eis. Es gibt dann diejenigen, die meinen, ihnen sei auch ihre Welt erklärt worden – und die zu Jüngern werden. Und wohl ebenso viele andere, denen das alles absurd oder komisch vorkommt.

Richard Wagner hat der Welt große Welterklärungsdramen geschenkt – und naturgemäß ebenso viele Steilvorlagen, sich darüber lustig zu machen. Die ergeben sich nicht zuletzt aus dem mythischen, zuweilen pseudoreligiösen Nebel, mit dem der Dichterkomponist seinen Gültigkeitsanspruch inszeniert: Altertümelnde Sprache, der Hang zum Weihevollen, ein Opernpersonal, das selten ohne Speer, Schild und Helm ausgeht. Das wurde schon zu Lebzeiten Wagners eifrig parodiert und karikiert. Wenn jetzt 200 Jahre Wagner gefeiert werden, bedeutet das zugleich mindestens 150 Jahre Wagner-Parodie, -Karikatur und -Witz. Diese wichtige Seite der Wagner-Rezeption wird bei den Feierlichkeiten bislang erstaunlich wenig gewürdigt. Vermutlich auch, weil sich das Witzeln über Wagner im Laufe der Jahre dann doch etwas totgelaufen hat.

Neurosen in Hosen

An der Neuköllner Oper wagt man es dennoch und brachte am Dienstag mit „Wagner for Sale“ einen urkomischen, ziemlich abgedrehten Beitrag zum Jubiläumsjahr heraus. Was da von vier Schauspielern auf der Bühne des Studios aufgeführt wird, ist vielleicht auch deshalb so gelungen, weil man sich auf Wagners große Themen erst gar nicht einlässt. Ausgangspunkt ist die heftige Wirkung seiner Opern auf die Kunstkonsumenten. Die Begeisterungswilligsten unter ihnen werden bekanntlich „Wagnerianer“ genannt. Drei Wagnerianer sind es auch, die hier den Devotionalienhandel „Ring und Gral“ betreiben – drei Personen mit einem deutlichen Zug zum Neurotischen.

Darunter ein bedächtiger Herr im braunen Cordanzug (Moritz Gagern), der den ganzen Abend lang keine Miene verzieht, aber der Leiter dieses Geschäfts sein muss, weil er noch weniger zu tun hat als alle anderen; er sieht es gar nicht gern, wenn sein Kollege (Christian Bo Salle) beim gemeinsamen Hören von Wagner-Highlights enthusiastisch mitdirigiert. Der Kollege selbst ist meist mit dem Abzählen der herumstehenden Kartons beschäftigt, wenn er nicht gerade bei einem Monolog über die „Revolution in der Musik Wagners“ außer sich gerät.

Das Horn ruft nach vorn

Den Hauptteil der Arbeit verrichtet ein Frauenzimmer in Kniestrümpfen, Rock und Rüschenbluse (Sommer Ulrickson). Sie nimmt Bestellungen auf, die über ein mit Siegfrieds Hornruf auf sich aufmerksam machendes Telefon eingehen. Sobald Wagner-Musik erklingt (in sehr gelungenen Klangcollagen, ebenfalls Moritz Gagern), muss sie wie eine Besessene tanzen, zucken, sich auf dem Boden wälzen. Bleibt als vierte Person eine echte Sängerin (Olivia Stahn), die zum Angebot des Wagner-Kramladens gehört und sich praktischerweise durch Drehen an ihrem Fingerring lauter und leiser stellen lässt.

Sechzig Minuten Nonsense, Situationskomik und überraschende Nichtigkeiten sind das; eine gelungene Parodie auf all jene, die süchtig sind nach dem Schauer, den Wagners Musik ihnen über den Rücken jagt. Unheimlich ist auch eine Tür im Hintergrund der Bühne, aus der es beim Öffnen windet und blitzt. Es ist der Ausgang aus dem Lagerraum von „Ring und Gral“, dort lauert die Außenwelt, die Realität. Und die ist der Horror für jeden Enthusiasten.

4. B.Z. Berlin
Wagner for sale in der Neuköllner Oper
Das Wagner-Jahr ist noch längst nicht vorbei. Grund genug für die Neuköllner Oper, noch eine Schippe draufzulegen. In “Ein Devotionalienhandel” von und mit Sommer Ulrickson geht es um vier Mitarbeiter eines Musikalienhandels mit Wagner-Fanartikeln. Singend tauchen sie in die Klangwelt seiner Opern ein, bis ein großes Chaos entsteht. Und jede Mühe, das Ganze auf den Vertrieb der Waren zurückzuführen, scheitert grandios.

5. rbb – Inforadio, Barbara Wiegand

rbb Inforadio, Barbara Wiegand

Ankündigungen:

Tagesspiegel
Kultur – Musiktheater
Wagner for Sale.

Der Devotionalienhandel „Ring und Gral“ möchte seine Lager räumen, wo sich Leitmotive stapeln. Etwa die des Herrn Tannhäuser, der allein achtmal sein eigenes Motiv zu singen hat. Moritz Gagern (Komposition/Arrangements) und Sommer Ulrickson (Regie) machen sich mit viel Verständnis für Richard Wagner daran, den Kult um ihn mit allem gebotenen Ernst auf die Schippe zu nehmen.

Berliner Morgenpost
Das Beste am Dienstag
Uraufführung: “Wagner For Sale” in Neukölln

Im Wagnerjahr 2013 steigt die Nachfrage nach originellen Wagnerraritäten und -fanartikeln. Die Neuköllner Oper hat diesbezüglich erstklassige Ware im Angebot: eine Uraufführung von “Wagner for Sale” in der Inszenierung von Sommer Ulrickson mit der Musik von Moritz Gagern. Ein theatralischer Devotionalienhandel, ein Sog von Texten, Klängen und Bewegung.


Presse What Would Zappa Do?

Radio Eins vom rbbNeue Musik Zeitung  –  deutschlandfunk

(nmz) –

Mehr als Anti – „What would Zappa do?“ an der Neuköllner Oper Berlin

Kritik

Zappa-Performance an der Neuköllner Oper. Foto: Neuköllner Oper

Dieter David Scholz war bei einer Uraufführung an Berlins „außergewöhnlichster“ Opernbühne: Der Neuköllner Oper. Dort haben sich Sommer Ulrickson und Moritz Gagern mit Frank Zappa als Musiker, Mensch und als Figur der Zeit- und Musikgeschichte auseinandergesetzt. Dabei geht es „um Probleme gegenwärtiger Politik, um Fußball, ums Bier, vor allem um Sex, das Hauptthema Zappas.“

17.09.2015 – Von Dieter David Scholz

Frank Zappa galt vielen als „genialer Rock-Clown“. Er wurde als „Enfant terrible der Popkultur“ bezeichnet und als „Freak aus Utopia“. Längst ist das schillernde Rock-Phänomen in den heiligen Hallen der Hochkultur angekommen. Der geniale Held und Magier musikalischen Ideenklaus, der sich aller nur erdenklicher musikalischer Mittel bediente und keiner Pop-Gattung eindeutig zuzuordnen ist, war ein respektloser Komiker und Zyniker, der mit Fäkalsprache, Leidenschaft für alles Sexuelle und Unverwechselbarkeit seines äußeren Auftretens seinen beißenden Spott über den Wahnsinn der modernen Lebenswelt ausgoß. Für Schauspielerin und Regisseurin Sommer Ulrickson und den Komponisten Moritz Gagern war dies Anlass genug, Frank Zappa an Berlins außergewöhnlichster Opernbühne einen außergewöhnlichen Abend zu widmen. „Seine Figur als Intellektueller Rock-, Jazz- und Neue Musik-Musiker ist so singulär, dass allein das schon ein Grund ist, ihn einmal exponiert darzustellen, was gleichzeitig eine Bespiegelung der so ganz anderen heutigen Realität ist und willkommene Reibungsfläche.“ (Moritz Gagern)

Für die meisten heutigen Popmusikhörer dürfte der Name des Amerikaners sizilianischer Abstammung, der 1993 gestorben ist, nicht mehr geläufig sein. Aber schon zu Lebzeiten war sein berühmtes Klo-Foto von 1969, das in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts fast in jeder Wohngemeinschaft hing, deren Bewohner sich als irgendwie „anti“ verstanden, sehr viel bekannter als seine Musik. Die Szene wird in der Performance nachgespielt. Schauspieler Christoph Schüchner, zugleich Zappa und Radiomoderator, sitzt mit nacktem Oberkörper in Zappa-Manier auf einem Klo im Keller. Von der Decke hängen Glühbirnen, darin eine rote, die aufleuchtet, wenn man „on air“ ist: Man wohnt der letzten Sendung des Piratensenders WWZD bei. Jeden Moment wird der Strom ausgeschaltet. Die Radiostation, die im Wesentlichen aus zwei Fanatikern besteht, besitzt alles, was es von und über Zappa gibt, nur eines hat sie nicht: das nötige Geld, um die GEMA-Pauschale für Zappamusik zu bezahlen. Trotzdem oder gerade deswegen geht es um die Frage: „What would Zappa do?“ Diese Frage, die wir immer wieder stellen, ist natürlich eine ironische Anspielung auf das amerikanische „What would Jesus do?“ (Sommer Ulrickson)

Es geht in dieser Performance aber nicht nur um lächerliche Auswüchse dummen Radiogelabers, das parodiert wird, sondern auch um Probleme gegenwärtiger Politik, um Fußball, ums Bier, vor allem um Sex, das Hauptthema Zappas. Die Performance ist zugleich Zappa-Hymne, Kritik am gesellschaftlichen Hier und Heute und Polemik gegen Musik im Dienste des Kommerzes. „What would Zappa say“ als Radio im Theater zu thematisieren ist heikel. Doch die vier Darsteller spielen souverän, mit Tempo und Wortwitz. Alles Angesprochene wird á la Zappa durch den Kakao gezogen, intelligent, geistreich und vergnüglich. Man trägt abwechselnd Zappa-Perücke und Zappa-Bart. Man spielt keine einzige Note Originalmusik von Zappa, zu streng und zu teuer sind die Auflagen des Zappa Family Trusts. Der Zappa-erfahrene Schlagzeuger Michael Weilacher und der Komponist und Gitarrist Moritz Gagern haben die Musik für diese Zappa-Huldigung geschrieben, die nicht so tut als ob, aber durchaus im Stile von Zappa an ihn erinnert, an eine der umstrittensten, aber auch faszinierendsten Gestalten des Rock, die für die Aufwertung der sogenannten populären Musik vielleicht mehr geleistet hat als die späten Beatles oder Pink Floyd, und doch heute ist Zappa heute nur noch ein bekannter Unbekannter.

„What would Zappa do?“
Performance mit Sommer Ulrickson und Moritz Gagern,
Neuköllner Oper Berlin, Premiere Do. 17.09.2015 Uraufführung.
17.9. – 28.10. 2015


Presse Hacking Wagner

1. Deutschlandradio

Die Performance “Hacking Wagner” auf den Münchner Opernfestspielen

Von Elisabeth Nehring

Deutschlandradio, 27.07.2012, Fazit

Richard Wagners Werk unterliegt in Israel bis heute einem gesellschaftlichen Bann. Auf den Münchner Opernfestspielen nähert sich die israelische Choreografin Saar Magal mit einer Performance dem antisemitisch gesinnten Komponisten. (…)

Der Komponist Moritz Gagern hat Motive und Auszüge aus dem Ring, aus Tristan und Lohengrin gesampelt, verfremdet, durchsetzt, vermischt, eingefärbt, verzerrt, aufgelöst. Er addiert zum Wagner’schen Kosmos Jazz, Techno, elektronische Musik, Geräusche von Zügen oder alten Schallplatten – ganz fein und sehr komplex, nie nervig oder banal. Immer wird die Musik in ihren Kontext gesetzt – auf emotionale und intellektuelle Art, szenisch und visuell.

Taucht zum Beispiel Wagners Inzestmotiv musikalisch auf, hört man zugleich aus dem Off einen Vortrag über den Sinn des Inzest-Verbots, während die Tänzer zwischen den Stuhlreihen hin und her laufen und ihre Körper sprechen lassen. Die Ouvertüre des Lohengrin wird dagegen kontrastiert von den antisemitischen Widerlichkeiten, die Wagner in ‘Das Judenthum in der Musik’ verfasst hat. Die wunderbare, emotional bewegende Musik und die in jeder Hinsicht abstoßenden Worte – vorgeführt als Produkte einer Person. Wagners Antisemitismus, Wagner-Bann in Israel, Hitler, Volkswagen, die kultivierte jüdische Welt im Deutschland der 20er-Jahre, der Ring und die Gegenwart der Lebenden – viele Themen werden assoziativ verschränkt, ohne dass dabei der inhaltliche Faden verloren ginge. Die Musik wird nicht als rein ästhetisches Phänomen begriffen, sondern eingebunden in die verschiedenen thematischen Kontexte.

Auf diesen gesampelten und remixten Wagner lässt Choreografin Saar Magal weniger tanzen; sie setzt ihre sechs Tänzer stattdessen in szenische Arrangements. (…) Zweimal verscheuchen sie uns von unseren Plätzen und lösen die Stuhlreihen und damit die gesamte Ordnung des Raumes auf. Sie simulieren mit einem alten VW-Käfer Unfälle, erscheinen schließlich als schwitzende, leidende Kreaturen.

In einer großen, ekstatischen Szene gen Schluss entschwindet der Walkürenritt langsam in eine Techno-Party; die Tänzer streifen sich alte Wagner-Kostüme über, Kettenhemden und Helme, Fellmäntel und schwere Kleider; so erinnern sie an Figuren wie Siegfried und Brünnhilde, doch die Kleider passen ihnen nicht wirklich; diese Tänzer wollen sich einfach nicht in Wagner-Figurinen verwandeln. Und wenn sie die Stühle aller Zuschauer auf einen großen Haufen geworfen haben, ist die Erinnerung an den Holocaust offensichtlich. Wagner und Wagner-Kult werden – und das ist ein Statement – in dieser Szene endgültig zertrümmert und dekonstruiert.

Wagner als ästhetisches Phänomen zu dekonstruieren und in seinen Kontext zurückzuführen, verschiedene Facetten des Wagner-Banns und dessen Sinnhaftigkeit zu reflektieren – darum geht es in Saar Magals Performance. Damit werden auch Fragen wie die nach der Freiheit der Kunst und dem Recht auf Diskussion berührt – und ein weiter Horizont eröffnet. “Hacking Wagner” kann man nur viele weitere Vorstellungen und viele Zuschauer in Israel und Deutschland wünschen.

© 2012 Deutschlandradio

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http://www.timesofisrael.com/hacking-richard-wagner/

THE TIMES OF ISRAEL

Hacking Richard Wagner

A new Israeli-German dance co-production attempts to delve into the sacred and profane surrounding the emblematic anti-Semitic composer

By SHOSHANA LIESSMANN         –         July 30, 2012

While Richard Wagner’s music remains banned from Israeli concert halls, Bayreuth, Germany, is celebrating another edition of its monumental Wagner festival to honor its prodigal, and anti-Semitic, son.

In the midst of this, Israeli choreographer Saar Magal is presenting to the world her personal attempt to unpack Israel’s ambivalence, and Germany’s obsession, with the composer: “Hacking Wagner.”

The dance performance is being staged in one of Munich’s most historically charged edifices, during the city’s renowned Opera Festival. This year, the Opera festival focuses on Richard Wagner’s Ring Cycle.

The axiomatic norm in Israel is that the composer’s openly declared anti-Semitic views, and Holocaust survivors’ need to be shielded from his emblematic melodies, lie at the very core of the Wagner controversy. The ban itself can be traced back to 1938 when all Wagner pieces were officially removed from concert programs for the first time in Tel Aviv as an immediate reaction to Kristallnacht.

The story of Wagner in Israel is a long and winding one, often serving astoundingly differing political agendas and interests. Yet the ongoing public debate mainly relies on emotional arguments, thereby rendering it quite untouchable. A probing question arises, however, of why this musical protection of survivors is of such utmost concern while their physical and medical needs are often neglected? Moreover, one might ask, why ban Wagner’s music but not other historically charged German products such as the Volkswagen beetle?

“It has become increasingly clear to me that the ‘Wagner ban’ is not quite about Holocaust survivors, but a kind of social norm which the public enforces without giving it a second thought,” says Magal, a choreographer and the granddaughter of Holocaust survivors.

In her performance, she includes an astounding true story that was originally related by filmmaker Udi Aloni to illustrate the ambiguity of the ban: A group of radical cultural provocateurs had once publicly announced a screening of the full video of Wagner’s Ring Cycle in Israel. To their utter surprise, they were joined by a group of elderly German Jews in festive evening dress truly eager to watch the tetralogy. To these people Wagner’s music was reminiscence of their long-lost pre-WWII German home and culture.

“It has become ‘obvious’ that Wagner must not be played,” observes Magal. “But the question is not asked, ‘Why this is the case?’ or whether it is time to revisit the question, let alone whether there should have been such a ban to begin with. The norm became a habit, and habits slip by us unnoticed.”

To showcase the vastness of very personal opinions on Wagner, Magal confronts the audience with a pointed selection of interview excerpts which portray the profound and bewildering complexity of the case, as well as allow the audience to reflect on and reconsider their own stand point.

Together with a team of Israeli and German performers and artists, Magal and German composer Moritz Gagern undertook the experiment that is “Hacking Wagner.” In essence the duo is hacking into the sacred positions on the Wagner ban in Israel and the Wagner glorification in Germany.

“In this piece, we take it on ourselves to hack icons, symbols, phenomena, ideas, social axioms, sacred cows, and all those ‘obvious’ things which have become mental habits,” explains Magal.

A group of six performers function as main hackers, alluding with their movements and interactions to various frames of reference, such as the ritualized Nazi cult of physicality or the Israeli hora. Particularly thought provoking are the creeping transitions between different spheres, e.g. the reenactment of Hitler’s notorious poses during a photo shoot that develop into the motions of a musical conductor.

The venue appears to be a deliberate choice: Munich’s “Haus der Kunst” (House of Art) is a rather pompous building at the edge of the lush and peaceful Englischer Garten that opened its gates in 1937. Back then named “House of German Art,” it was an exhibition hall of utmost concern to Hitler with the sole purpose of showcasing “only true German art,” while ridiculing so-called “degenerate” modernist artists.

Shortly after the collapse of the regime, the museum was reopened to fill the gap caused by Hitler’s horrific artistic cleansing. In fact, it soon turned into one of the leading venues for contemporary art, hosting important exhibitions such the Picasso retrospective in 1955 or Ai Weiwei’s brilliantly provocative show “So sorry” in more recent years. While the artistic de-Nazification had taken place quite immediately, the original architectural structure was kept or even restored deliberately as a reminder of the difficult legacy, presented also in an exhibition entitled “Histories in Conflict” currently on display.

Performing “Hacking Wagner” in the haunting rooms of the “Haus der Kunst” becomes an eerie experiment for Wagner enthusiasts as much as his opponents. The performance relishes this uneasiness with a grotesque cat walk with stereotypical Wagner accessories such as blond wigs, chain shirts, swords and helmets, then culminates in a liberating wild techno party of sampled Wagner sounds.

Intense conversations on the terrace after the premiere clearly proved that Magal managed to make her point to this audience. The question is, Will the performance have a wider impact on the discussion in both Israel and Germany?


Presse Lovesick

  1. TAGESSPIEGEL vom 13.3.10

Gefühlsecht

“Lovesick”: uraufgeführt an der Neuköllner Oper

Das ist eine jener Uraufführungen, mit denen sich die Neuköllner Oper in Berlin unverzichtbar macht. Weil sie das Genre des Musiktheaters wirklich voranbringt. „Lovesick“ ist keine verkopfte Staatstheater-Alibiproduktion, sondern ein Stück übers echte Leben, witzig und ernst zugleich, das seine Zuhörer abholt, wo sie emotional stehen, das Alltagserfahrungen mit den Mitteln der Kunst ins Allgemeingültige hebt. Avantgarde-Musical, Off-Broadway-Show, multistilistische Nummernrevue, Collage-Performance: Was die Regisseurin und Choreografin Sommer Ulrickson mit dem Komponisten Moritz Gagern entwickelt hat, kann man mit vielen Namen benennen. Oder einfach genießen.

Es geht um die Liebe, natürlich. Die dramatische Story von der eifersüchtigen Astronautin, die ihre Konkurrentin mit Pfefferspray attackiert, ist nur der Ausgangspunkt für ein gesungenes, getanztes, gespieltes Panorama der unterschiedlichsten Ausprägungen von trennungsbedingtem Herzbruch. Acht Leute agieren auf der Bühne, und keiner hält sich an die übliche Aufgabenverteilung: Die Musiker agieren auch, Tänzer singen, Schauspieler werden in die Choreografien eingebunden. Der pas de trois, bei dem er nicht von seiner Ex loskommt, die ihm ans Bein gefesselt ist, fünfstimmiges A-Cappella-Heulen, Beziehungs-Reha an der rollenden Gulaschkanone, Hirschhausenhafte Beziehungstipps vom Pianisten: 90 Minuten Lebenshilfe ex negativo, geistreich, gallig, gefühlsecht. Großartig.

Am 8. April startet in der Neuköllner Oper das experimentelle europäische Musiktheatertreffen „Open Op“. Mit „Lovesick“ haben die Gastgeber die Latte extrem hoch gehängt.

Frederik Hanssen

Weitere Aufführungen bis 18. April.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 13.03.2010)

2. Neues Deutschland

Liebeskranke geben sich in der Neuköllner Oper lustvoll ihrem Leid hin

Von Lucía Tirado

Der Liebeskrankheit beizukommen, zeigt »Lovesick«, ist Der Liebeskrankheit beizukommen, zeigt »Lovesick«, ist ein aussichtsloses Unterfangen. Foto: Matthias Heyde

Einmal wendet sich die Sängerin ans Publikum. Gab es Verletzungen? Ist Hoffnung, sich noch einmal zu verlieben? Von Liebe und damit verbundenem Schmerz kann schließlich nahezu jeder ein Lied singen. Und das geschieht nun in der ideenreichen Inszenierung »Lovesick« von Choreografin Sommer Ulrickson und Komponist Moritz Gagern, die in der Neuköllner Oper ihre Uraufführung erlebte und sich auf originelle Art über den Liebeskummer erhebt.

Einen Taumel nennen sie ihr Stück. Ecken und Nischen bietet die Kulisse von Nicola Minnsen und Alexander Polzin, einen Ausgang und einen für manche funktionierenden Fluchtweg. Und da ist eine Gulaschkanone. Denn so etwas gehört in ein Camp. Es gibt doch für alles Camps – für Dicke, Dünne, Gestresste oder Gestrauchelte. Mit »Lovesick« öffnet sich eins für Liebeskranke. Drei singende Tänzer der wee dance company (Sommer Ulrickson, Dan Pelleg, Marco E. Weigert), eine tanzende Sängerin (Barbara Ehwald) und eine singende und tanzende Schauspielerin (Tilla Kratochwil) geben sich dem Leid hin.

Teilen heißt heilen, ist die Therapie. Ein musizierendes, auf Distanz bedachtes Betreuerteam (Moritz Gagern am Flügel, Noga-Sarai Bruckstein mit Violine und Jörg Vollerthun mit Posaune) erteilt ihnen Tipps und trägt Mundschutz, um sich vor der »Lovesick«-Pandemie zu schützen. Infektionen sind alltäglich. Irgendein Sprühzeug, mit dem sie 99,9 Prozent der Krankheitserreger niedermetzeln könnten, ist nirgends auszumachen. Die Liebeskranken haben den Leidensweg der amerikanischen Astronautin Lisa Nowak verinnerlicht, die 2007 von Eifersucht getrieben in einer Nacht 1500 Kilometer mit dem Auto fuhr, um ihrer Konkurrentin zu erwischen. So etwas nennt man Konsequenz, meint man im Camp und tauscht sich über eigene schmerzliche Erfahrungen und deren Folgen aus.

Der eine raucht wieder, die andere raucht nicht mehr, der dritte will jetzt rauchen. Ein komisches Bild geben die Liebesinvaliden ab, wie sie sich selbst nennen. Gegen die aus Tragik erwachsene Komik ist kein Kraut gewachsen, ist hier gut ins Bild gebracht. Den Tipps der Betreuer folgend, üben sich die Kranken nun gemeinsam in Mir-geht-es-gut-Gymnastik, um nach dem Motivationstraining wieder zusammen zu sacken. Ab und zu wird eine Kandidatin rausgekantet und taucht wenig später prompt wieder auf. Die Gruppe der Verletzten und Verschmähten darf gemeinsam musizieren. Es gibt immer wieder Auseinandersetzungen und einen Herz zerreißenden gemeinsamen Heul-Song.

Parallel zu den gespielten grotesken Situationen schuf Ulrickson zum Staunen bringende Bilder. Es wird im Liegen und im Kriechen gesungen. Einmal transportieren die Tänzer auf ihren über den Boden rollenden Körpern die Sängerin zum Ausgang. Die Kandidaten im Camp tragen Nummern, keine Namen. Nummer 2 ist ein schwerer Fall und wohl schon am längsten hier. Aber sie arbeitet hart. Anfangs in Helm und gepolsterten Anzug verpackt, trainiert sie zunächst angewidert, später ehrgeizig mit Nummer 694 die Annäherung zwischen Frau und Mann. Der Tanz der beiden ist auf wunderbare Art widersprüchlich. Sich auf Misstrauen gründend, zeigt er Bewegungen, die Vertrauen bedingen. Am Ende fühlt sich Nummer 2 geheilt und kann gehen. Doch werden ihre Schritte an der Tür langsamer. Da schmerzt doch schon wieder eine Trennung?

Der Liebeskrankheit beizukommen, zeigt »Lovesick«, ist ein aussichtsloses Unterfangen, auch wenn dort davon die Rede ist, dass die Krankenkassen vorbeugende Maßnahmen fordern. Aber den Menschen allein gehört das Leiden nicht, gehört zu den Aussagen dieses schönen Stücks. Es wird beispielsweise von einem Schwan erzählt, der sich unglücklicherweise in ein Boot verliebt hat, es nun begleitet und beschützt. Dabei haben die Stückemacher wahrscheinlich vom Schicksal der Singvögel in Großstädten noch nichts gehört. Die haben sich verzweifelt darauf umgestellt, nachts sehnsüchtig nach einem Partner zu rufen, weil sie damit im Tageslärm nicht durchkommen.


18.-21., 25., 26.3., 1.-3.4., 20 Uhr; beim Festival »Openop« am 17., 18.4., 21 Uhr, Neuköllner Oper.

3. zitty, 23.03.2010

MUSIK-TANZ-PANDEMIE: Lovesick

Foto: Arno Declair Was verbindet eine pfeffersprayende Astronautin mit einer Frau in voller Rugby-Montur? Beide sind liebesgeschädigt. Die Nasa-Raumfahrerin dreht durch, als ihr Liebhaber sie mit einer Kollegin betrog und will die Nebenbuhlerin mit Pfeffergewalt entführen – eine wahre Geschichte. Die andere Frau ist ein reines Theaterbild: Rundum verpackt schützt sie sich vor jeglicher körperlichen Annäherung. Beide Geschichten sind lose eingestreute Verbindungsglieder in einer genresprengenden Veranstaltung zum Thema Liebeskummer. Wir befinden uns in einer Art Reha-Anstalt für Liebesinvaliden. Dort wird in den aberwitzigsten Positionen gesungen, aneinander gebunden getanzt und wenn es den Insassen ganz schlecht geht, intonieren sie gemeinsam eine Heul-Arie, die momentweise wie ein Barockstück klingt. Manchmal rollt eine Gulaschkanone durch die Szene. Einen „Taumel“ nennen Regisseurin Sommer Ulrickson und Komponist Moritz Gagern ihr Gespinst aus Tanz, Gesang und ein bisschen Text, das vor absurd-komischen Situationen nur so strotzt, und manchmal auch mitten ins Herz trifft. Denn das Gefühl des Verirrtseins kennt jeder. Auch der Schwan, der sich in ein Tretboot verliebte. Noch so eine wahre Geschichte. #


Konzert Für 50 Windgongs und kleines Ensemble

1. Pressekonferenz: Tonlagen 2010, DNN –   TV Dresden 1

2. Dresdener Neueste Nachrichten, 6.9.2010

Subtil ausgehört – Konzert für 50 Windgongs und Ensemble in Hellerau

Als Prolog zum “Tonlagen”-Festial des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau konnte man am Sonnabend eine besondere Aufführung im Festspielhaus erleben. Der Berliner Komponist Moritz Gagern lud zu einem Konzert für 50 Windgongs und kleines Ensemble ein. Noch ohne einen Ton gehört zu haben, war die Szenerie beeindruckend: ein ganzer Wald aus Gongs hing von der Decke herab, dazwischen hatten Musiker verschiedenen Spielorte, zu Beginn waren sie weit im Raum verteilt. Man könnte mutmaßen, die Komposition würde entweder die chinesische Musiktradition dieser Instrumente betrachten oder aber einen avantgardistischen Höllenlärm verursachen.

Beides war nicht der Fall und das war das Glück dieser Veranstaltung, denn Gagern beschäftigte sich eindringlich mit dem Klangcharakter der Instrumente. Die Flachgongs von unterschiedlichem Durchmesser und Schliff haben die Eigenschaft, besondere Obertonspektren zu entwickeln, das Verklingen und Vermischen dieser Resonanzen erzeugt eine Tonsprache, die mit unseren gewohnten (europäischen) Klangmaterialien wenig gemein hat. Trotzdem oder gerade deswegen stellte Gagern den Gongs ein kleines Kammerensemble bestehend aus Geige, Cello, Trompete, Bass- und Kontrabassklarinette sowie Vibraphon und Marimbaphon zur Seite. Damit entwickelte sich ein Dialog aus liegenden, geschlagenen, verhallenden Tönen.

Der Windgongwald zu Hellerau. Imponierende Bilder und Klänge. (Foto: Alexander Keuk)

Der experimentale Charakter verschwand dennoch nicht, denn die Musiker hatten teilweise auf die “Angebote” der Gongs zu reagieren, zudem sorgte die Hängung und Entscheidung für den großen Festspielsaal für ein nicht exakt wiederholbares Ergebnis. Die Musiker Elfa Rún Kristinsdóttir, Lea Rahel Bader, Damir Bacikin, Theo Nabicht, Matthias Engler und Friedemann Werzlau musizierten mit großer Ruhe und Übersicht und gaben sich live diesem Dialogspiel hin – allerdings ohne Dirigent, was manchmal zu einer gewissen Vagheit führte. Dramaturgisch verdichtete Gagern das Material immer mehr, bis alle Musiker am Ende inmitten der Gongs agierten. Der Beginn war eine sublime Erforschung des Klangraumes, der stark wirkte. Innerhalb des 50minütigen Werkes gab es aber auch einige Passagen, die – je nach Höranspruch oder eigener Empfindung – weniger tragend waren.

So war die Verbindung der Gongs mit dem großen Raum und frontalem Publikum stets distanziert – eine sehr fokussierte Hörkonzentration war für viele am Rande des Wahrnehmbaren stattfindende Aktionen notwendig. Wenn der Nachklang oder die Vermischung mit den Instrumentalklängen wirklich Tonwellen aussandte, wurde es spannend, aber dies war zu selten der Fall und hätte von Gagern mehr ausgekostet werden dürfen. Zudem beschränkte sich Gagern nicht auf die anfängliche Gong-Erforschung, sondern lenkte die Aufmerksamkeit mehr und mehr von den Gongs als Hauptdarstellern weg zum selten schweigenden Kammerensemble, das im letzten Drittel des Stücks nicht immer plausible stilistische Kontraste formte – es blieben jedoch feine klangliche Momente im Gedächtnis. Die Windgongs werden ab 1. Oktober bei den Tonlagen als bespielbare Installation im kleineren Nancy-Spiro-Saal aufgehängt, wo sich eine ganz andere Räumlichkeit einstellen wird. Am 13. Oktober wird dann erneut ein Windgong-Konzert stattfinden, anders, und wieder neu.

Dresdener Neueste Nachrichten – Alexander Keuk

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3. Sächsische Zeitung, 29.10.2010

So wie hier klingt es nie wieder

Von Karsten Blüthgen

Beim Tonlagen-Festival in Hellerau finden Musik, Tanz, Neue Medien und Theater einzigartig zueinander.

Moritz Gagern zaubert originelle Klänge mithilfe seiner 50 Gongs, Dean Wareham und Britta Phillips (kleines Foto) bringen wiederum gut beschirmt Filme von Andy Warhol zum Klingen.

Ein Gong – na und, was ist daran Besonderes? Das schlichteste Musikinstrument, das sich denken lässt. Gemacht aus einem Stück, und jeder kann darauf spielen. In einer Kirchenorgel sind Tausende Teile verbaut. Wenn es dort heißt, das Instrument sei königlich und höchst kompliziert, dann versteht man schnell. Aber diese Scheibe Bronze da?Der Schein trügt. So simpel ist der Gong nicht, wie er da so hängt und schwingt. An seiner Oberfläche, die zugleich sein Innerstes ist, spielen sich schöne, aber eben auch verrückte Sachen ab. Wo man ihn auch schlägt oder streicht, womit, wie stark – es wird immer anders klingen. Und immer unfassbar. Wer auszieht, die Harmonie der musikalischen Töne zu ergründen, dem ist vom Weg über den Gong dringend abzuraten. Der Gong, einst aus China kommend, symbolisiert ein Stück Weltgeheimnis. Die höchste Wissenschaft kann es benennen, wird es aber nie lüften können.

Moritz Gagern schreibt Musik. Und macht eine nachhaltige Erfahrung in einer Glockengießerei. Mutig hat er sich nicht etwa einen, sondern gleich 50 solcher Klangkörper besorgt. Natürlich 50 verschiedene. Der in Berlin lebende Komponist findet es „verlockend, die undurchdringlichen, völlig unlogischen und mathematisch nicht nachvollziehbaren Harmonien“ einem Kammerensemble vorzuwerfen, das sich mit dem Stoff zu arrangieren hat und sich ihm annähern soll. Moritz Gagern entwirft Musik für Räume – und nun auch für einmalige Klangkörper. Ein Windgongkonzert hat er noch nie geschrieben. Mit dem Konzept „Raum ohne Zentrum“ – ohne Dirigent oder andere zentral leitende Instanzen – lehnt er sich an die Natur der Gongs an. Dort gibt es keine klaren Tonhöhen und alles ist im Fluss. Entstanden ist eine episodische Musik der kargen Flächen und subtilen Übergänge, der filigranen Elemente und Effekte. Die schaurigen Stimmungen, die den Tamtams in der westlich-romantischen Orchestersprache zugeschrieben werden, kann man hier vergessen. Im Verlauf der 50 Minuten des Stückes wechseln die Musiker immer wieder Positionen, spielen Geige, Violoncello, Trompete, Bassklarinette, Marimbafon und schlagen dazu Gongs, die überall im Raum schweben. Mittendrin sitzt das Publikum, gebannt vom sinnlich-meditativen Dialog, der das Hören in die Tiefe anregt und weiträumig Assoziationen weckt.

Gagerns Stück steht symbolisch für einen gedanklich und stilistisch weiträumig konzipierten Jahrgang jenes Hellerauer Ereignisses, das seit vergangenem Jahr mit neuem Namen auftritt: „Tonlagen – Das Dresdner Festival der zeitgenössischen Musik“. Von Donnerstag bis zum 16. Oktober sind meist im Festspielhaus 24 Veranstaltungen zu erleben, bei denen Musik, Tanz, Neue Medien und Theater in jeweils eigenen, oft einzigartigen Konstellationen zusammentreffen. Schon der Eröffnungsabend bietet eine deutsche Erstaufführung: das Musiktheater „Jacob’s Room“ – eine berührende Reise in die Seele eines Menschen, der einen Völkermord überlebt. Morton Subotnick, ein Pionier der elektronischen Musik und Avantgardist in multimedialen Angelegenheiten, hat das Stück von 1986 als Kammeroper neu eingerichtet.

Unter den 14 Uraufführungen wartet mit „Hasretim – eine anatolische Reise“ ein besonderer Höhepunkt. Der deutsch-türkische Musiker Marc Sinan und Markus Rindt, Chef der Dresdner Sinfoniker, haben mit zwei Kameraleuten die Osttürkei besucht, den Gesang dortiger Troubadoure eingefangen und schließ-lich zu einem Konzert mit Video und Impro-visation verarbeitet.

Das Festivalprogramm klingt so dynamisch und nuancenreich wie das Spektrum eines Gongs. Überall und absichtsvoll hört man Einsprüche gegen das Vorurteil, Populäres und Elitäres seien polare Gegensätze. Während etwa Ketan Bhatti und seine Band „Formelwesen“ mit der Verfremdung akustischer Signale spielen, collagieren das „Ensemble ascolta“ und Jennifer Walshe humorvoll Neue Musik und Pop und nehmen so gängige Klischees aufs Korn. Die Neuen Vocalsolisten aus Stuttgart, erstmals in Dresden, locken wiederum mit A-cappella-Kunst der seltenen Art.

Schon Anfang September erklang Moritz Gagerns Windgongkonzert im Hellerauer Festspielhaus, bei Tonlagen gibt es eine modifizierte Neuauflage. Der Tamtam-Garten ist aus dem Großen Saal in den Nancy-Spero-Saal umgezogen, was zwei Vorteile bringt: Zum einen ist diese Installation begehbar und sogar bespielbar – ab sofort für jeden Hellerau-Besucher zwei Stunden vor Beginn der abendlichen Veranstaltung. Zum anderen werden die Gongs im kleineren Raum deutlich hörbarer auf jede Anregung reagieren und mitschwingen. In Resonanz sollen nicht nur Raum und Instrumente geraten – auch das Publikum soll in Bewegung kommen und sich anregen lassen, möglichst zahlreich. „Tonlagen“ in Hellerau liefert dafür einen breiten Impuls.

Tonlagen-Festival, 1. bis 16. Oktober, Festspielhaus, Hellerau, DD

Im Internet: www.hellerau.org

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Presse Babylonische Schleife

Presse Babylonische Schleife (Maerzmusik 2007):

nzz: «Babylonische Schleife» nennt der Komponist Moritz Gagern diese Charles Ives nachempfindende und weiterdenkende Anordnung von Musik im Raum. Blickt man in die eine Richtung, kreisen ganz langsam die Lichter der städtischen Magistralen unter einem vorbei, blickt man in die andere, gleiten Musiker mit ihren Instrumenten vorüber. Sie sitzen mit dem Rücken zum inneren, festen Kern des Turmrestaurants, spielen einzelne Phrasen, die sie wie Schneebälle einander zuwerfen, oder sie versuchen es im Chor. Sekündlich wechseln so die räumlichen Eindrücke.

taz: Moritz Gagern und das Kammerensemble Neue Musik Berlin bespielen während des MaerzMusik-Festivals fantasievoll ungewöhnliche Räume. Ohne Dirigent und Sichtkontakt sind die nach außen blickenden Musiker auf akustische Zeichen angewiesen. Die Kon-Zentration der Interpreten gilt mithin ihrer unmittelbaren Umgebung. Gagern gewährt dem Raum Platz im Klang. Mit seiner “Babylonischen Schleife” hat er für das Festival MaerzMusik ein originelles Konzept entwickelt, indem er den mit dem Turm verbundenen Assoziationsraum und die Horizontale der kreisenden Plattform in einer wunderbar abwegigen Konzertsituation zusammenführt. Im Verlauf des sechzigminütigen Stücks führt Gagern jede denkbare Form des Kreisens und Stillstands vor.

nmz: Die szenische Idee imponierte.

nd: Der Künstler bezieht sich auf die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel. »Dort wird die Sehnsucht nach einem architektonischen Zentrum in Verbindung gebracht mit dem Verlust der gemeinsamen Sprache und der Vereinzelung des Menschen«, stellt er fest. Diese folgenreiche Entfremdung verdeutlicht Gagern nicht nur durch die dezentrale Aufteilung der Musiker im Raum, sondern auch durch die Vielfalt der eingesetzten Klänge.
Im Sinne eines postmodernen »Anything goes« verweist der Komponist auf ganz verschiedene Epochen und Stile. Der Fernsehturm, der als post-babylonischer Sendemast eine undurchdringliche Flut an Bildern, Klängen und Sprachen hervorbringt, ist für das Stück der ideale Aufführungsort.

netzkritik: The music then played with this spacial relationship, letting fragments of melody, phrase and rhythm ripple around this ring, as the audience itself, on the spinning section of the floor, moved past each musician in turn. Dubbed “Babylonian Loop,” the piece ultimately finished as it started. Utimately a striking piece of music, always interesting, but as much for the puzzle of its structure than for intrinsic musical qualities.