Szenario:Journal

30.3.2024

Stochastik. Man denkt gleich an Mathe-Unterricht oder an Iannis Xenakis. Aber etwas weiter gefasst ist Stochastik die Kunst der Verallgemeinerung: Man entwirft aus unvollständigen Daten ein vollständiges Bild. Aus gesammelten Daten der Vergangenheit werden mögliche Entwicklungen modelliert und ihre Wahrscheinlichkeit skaliert. Spekulation dagegen ist keine Verallgemeinerung von zu wenigen Daten, sondern eine Wette gegen die Wahrscheinichkeit. Das Risiko wird belohnt. Spekulation ist verwandt mit der Angst, die auch eine Wette gegen die Wahrscheinlichkeit ist, aber unfreiwillig. Die Spekulation lebt vom genauen Hinschauen, vom scharfen Blick, vom Überblick. Spekulation ist auch verwandt mit der Kontemplation, beide leiten sich ursprünglich von der griechischen theoria ab. Zur Zeit unterscheiden sich die Begriffe im Gebrauch. Kontemplation impliziert ein geistiges Objekt, Spekulation bezieht sich auf tatsächliche, empirisch zu messende Ereignisse. Über die Objekte der Kontemplation wird es möglicherweise nie Klarheit geben, die Objekte der Spekulation offenbart die Zukunft, oder eben nicht. Kontemplation lässt sich weniger leicht falsifizieren als die Spekulation. Die Stochastik kann gar nicht falsifiziert werden, weil sie nur Wahrscheinlichkeiten angibt. Wenn es anders kommt, ist eben etwas Unwahrscheinliches passiert.

Wissenschaft und Wirtschaft treffen sich in der Arena des Wahrscheinlichen. Thales von Milet, der sogenannte erste Philosoph, hat eine Sonnenfinsternis vorausgesagt und sich auch wirtschaftlich als Spekulant betätigt. Wenn so etwas gelingt, wächst die Autorität. Jesus hat Dinge zutreffend vorausgesagt, das gehört zu ihm. Die beiden Legenden über den weisen Thales, die von Platon und Aristoteles wiedergegeben werden, beinhalten bereits den Komplex der theoria als betriebsfernes Studium der Welt und wirtschaftlich verwertbare Wette auf die Zukunft. In der Politica schreibt Aristoteles (zitiert nach Wikipedia):

„Man hielt ihm […] aufgrund seiner Armut vor, dass die Philosophie eine nutzlose Beschäftigung sei. Da er nun infolge seiner Sternbeobachtung erkannt hatte, dass es eine reiche Olivenernte geben werde, soll er noch im Winter […] für alle Ölpressen in Milet und Chios Anzahlungen hinterlegt und sie, da niemand dagegenhielt, für einen geringen Betrag gemietet haben. Als aber der rechte Augenblick gekommen war, und gleichzeitig und plötzlich ein hoher Bedarf an Ölpressen entstand, habe er sie zu seinen Bedingungen vermietet und viel Geld dabei gemacht. Er habe damit bewiesen, dass es für Philosophen leicht sei, reich zu werden, wenn sie nur wollten, es jedoch dies nicht sei, wonach sie strebten.“ (1259a)
(Weiteres berühmtes Beispiel: Joseph und seine Brüder: spekulieren auf die mageren Jahre. Silos füllen, vom Mangel profitieren.)

Im Theaitetos erzählt Platon die Geschichte der schönen jungen Frau, die Thales drastisch verdeutlicht, dass er ständig den falschen Fokus setzt.

„Thales […] fiel, als er sich mit den Sternen beschäftigte und nach oben blickte, in einen Brunnen. Da soll ihn eine witzige und reizende thrakische Magd verspottet haben, weil er zwar die Dinge am Himmel zu erkennen begehre, ihm aber entgehe, was ihm vor den Füßen liege.“ (174a)

Interessant ist heute die Emotionalität der Börse.

Christlich-jüdische Teleologie: Spekulieren auf Erlösung? Jüngstes Gericht, Nirwana, das Nichts. Wie ist das Verhältnis von theoria und Nichts? Ist das Nichts nicht so etwas wie der Kreditmechanismus für die Spekulation?

1.4.2024

Klassische Musik lebt – sowohl in ihren europäischen als auch in ihren afrikanischen und asiatischen Varianten – von dem Wechsel zwischen Schwung und Ruhe. Auch klassische Tanzmusik. Ursprüngliche avantgardistische Tanzkulturen wie der Berliner Techno der ersten Hälfte der 1990er Jahre konnten sich das deutlich zu eigen machen. Ohne Sperrstunde war genug Zeit für das Prozessuale. Parallel wurden die umliegenden Altbauten saniert, bürgerliche Nachbarn zogen ab 1999 in großer Zahl ein. Davor spielte die Dauer keine Rolle und verschwand dadurch auf eine Weise, die beim Pop niemals möglich wäre, wo alleine durch die Notwendigkeit, ein Produkt zu verkaufen, ein Track in sechs Sekunden seine Visitenkarte gezeigt haben muss und auch in extremen Ausnahmefällen nicht länger als sieben Minuten sein darf, maximal zwanzig (eine Plattenseite), idealerweise aber rund drei Minuten. Beim Techno war das Produkt erstmal kein Thema, der Prozess umso mehr. Technisch gesprochen verlief der Prozess immer ähnlich und ist eines der prägnantesten Stilmerkmale: nach einer Weile ummts-ummts-ummts, also dynamisch und rhythmisch variationsarmer perkussiver Viertel im tiefen Bassbereich, und nachdem sich dazu Synthie-Klangteppiche in den mittleren und höheren Lagen etabliert haben, werden die Bässe plötzlich herausgenommen, die sphärischen Klänge vertiefen sich, durch spacige Glissandi und/oder einen aggressiven und off-beatigen Break kündigen sich die Bässe wieder an, um dann, das ist der Tribut an den Pop und die Extase, extrem schnörkellos wieder einzusteigen.

Pop heißt: burn from the first moment. Das ist dem ursprünglichen Medium des Pop geschuldet: dem Radio und der Schallplatte. Beide vertragen sich nicht gut mit einer zwanzigminütigen Ouverture. Es muss sofort zur Sache gehen. Doch der Techno rekurriert auf Wagner. Sie können sich zwanzigminütige Ouvertüren locker leisten und teilen nebenbei auch die Idee der ästhetischen oder klangphysischen Überwältigung.

Schwung ist komplizierter. Er ist das Produkt eines Prozesses an dessen äußerem Ende Ruhe steht. Ich schalte die Musik ein, in der Ruhe. Pop im Sinne eines Produktes kann nicht in Schwung geraten, sondern muss von der ersten Sekunde an präsent sein, das Produkt sein. Der Prozess wird weggelassen, damit gleich das Produkt da ist. In den digitalen Medien noch eklatanter: was nicht innerhalb der ersten drei Sekunden verfängt, wird zur Seite gewischt. Schwung auf Anhieb. Kontrollverlust in drei Sekunden. Schweben ohne Anlauf. Das alles ist die Definition von Pop.

Sobald jedoch Zeit zur Verfügung steht und nicht die Verwertbarkeit im Vordergrund, sondern eine radikale künstlerische Fragestellung, hat Musik ein anderes Thema. Sie spielt den Wechsel zwischen Schwung und Ruhe durch, weil er für das Leben entscheidend ist. Klassische Musik ist frei von der kapitalistischen Zersplitterungsdynamik, sie kann sich die Dauer leisten und uns dadurch als Kunstform das Leben vor Augen halten in seiner basalsten Struktur.

23.4.2024

Quartett für das Ende der Zeit

Falls die Erde die sanfte Kollision unserer Milchstraße mit dem Andromedanebel unbeschadet übersteht und unser Sonnensystem sich nicht derart verwirbelt haben wird, dass die Erde verstoßen oder verschluckt wird, wird Sonne, wenn sie eines Tages wirklich untergeht, auch unsere Erde mitreißen. Das ist jedoch so weit weg, im Vergleich zu unserer eigenen Endlichkeit, dass es praktisch ewig so weitergehen könnte. Wäre da nicht, neben der endogenetischen Endlichkeit des Menschen, auch noch seine phylogenetische. Das Ende der Menschheit kann jetzt in einem vorstellbaren Zeitrahmen stattfinden. Jedes Zeitalter hatte seine entsprechenden Szenarien, aber heute sind sie erstmals mathematisch generiert.

Klassiker des Weltuntergangs sind Vulkane und Meteoriten. Ungefähr dreißig Vulkane sind in der Lage, mehrere hundert Kubikkilometer Asche und Gestein auszuspucken, also im Alleingang die Atmosphäre mit den Innereien der Erde so vollzureihern, dass kein Licht mehr durchkommt. Alle 100.000 Jahre ist so ein Ereignis fällig.

Alle 100.000.000 Jahre kreuzt sich die Bahn der Erde mit der eines relativ großen Meteoriten. Er hat einen Durchmesser von zehn Kilometern. Das genügt, um die Erde lahmzulegen. Die freigesetzte Energie eines Crashes wäre fünf Milliarden mal so hoch wie die der Hiroshimabombe. Ein Weltenfeuer und anschließend hochhaushohe Tsunamis. So endete wahrscheinlich die Zeit der Dinosaurier.

Kometen, Asteroiden, die groß genug sind, könnten uns mit einem Schlag auslöschen.

Etwas neuer ist das Szenario des Geburtenrückgangs. Die Fortpflanzung beruht auf bestimmten biologischen Bedinungen, die nicht immer gegeben sein werden. Doch dem kommt möglicherweise der Klimawandel zuvor. Eine seiner Folgen ist die massive Migration. Die Bewohner Pakistans, Indiens und Bangladeschs müssen in ein paar Jahrzehnten nach Sibirien migrieren, alternativ nach Grönland, Kanada oder Alaska. Irgendwann wird es auch dort zu eng und zu heiß.

Das Artensterben ist dabei ein ganz eigenes Thema. In diesen Komplex gehört die Ernährung. Nur drei Getreidesorten decken derzeit sechzig Prozent der Kalorien, die der Mensch aufnimmt. Das Fischsterben macht es nicht besser.

Leider wird die Atombombe wieder thematisiert. Allein die fünf Millionen Tonnen Kohlenstoff, die ein regionaler Atomkonflikt in die Atmosphäre befördern würde, reichen, um den ganzen Planeten lebensunfähig zu machen, zumindest abzudunkeln und abzukühlen bei gleichzeitig sich auflösender Ozonschicht.

Ganz zu schweigen von Epidemien, einem Gammastrahlenausbruch, und last but not least: der Künstlichen Intelligenz. Die Künstliche Intelligenz kann das Leben auf der Erde auslöschen, sei es durch verselbständigte Programmierung, Hacking oder ganz allgemein durch Überschreiten einer bestimmten Intelligenzschwelle. Dieses Szenario des Weltuntergangs gilt als das wahrscheinlichste.

25.4.2024

Musiktheaterprojekt

Unser Hirn baut laufend Szenarien. Wie könnte es kommen? Eine wichtige Aufgabe des Denkorgans besteht wohl darin, Überraschungen zu vermeiden. Denken und Entscheiden kann schließlich der Darm und das Herz viel besser. Das Hirn hat bitteschön Überraschungen zu vermeiden.

Das prägt unsere Erzählungen. Die Rolle des Orakels sticht hervor, nicht nur in der griechischen Mythologie, die Rolle des Schicksals und der Schicksalsgöttinnen.

Die Frage des eigenen Handlungsspielraums ist an Automatismen gebunden, die Überraschendes vermeiden sollen. An ihnen hängt also die Frage der Freiheit, des Glaubens und der Religion. Dieser Zusammenhang betrifft die heutige KI, die nichts anderes ist als die radikalste Fortführung des Szenarioprinzips mit den kombinierten Mitteln der Mathematik und der technischen Datenverarbeitung.

Was heute neu zu sein scheint: Wir entwerfen nicht mehr selbst die Szenarien, sondern lassen sie uns technisch ausrechnen. Die Präzision und Belastbarkeit übersteigt unser eigenes Vorstellungsvermögen. Also wird unser Leben ein Abdruck der Szenarien, nicht umgekehrt. Szenarien gestalten unser Leben. Die Bildschirmwelt entsteht so, all das, was uns auf unseren Endgeräten erwartet, aber auch unsere Versicherungen, Renten-Sparpläne. Egal, ob wir gerade die amerikanische Politik anstarren wie das Kaninchen die Schlange, oder unsere Meinung zum Klimawandel ändern: entschieden wird alles durch die dahinterstehenden Szenarien. Das Gesetz der Großen Zahl entscheidet, aber nicht rein, sondern unter den Vorzeichen der wirtschaftlichen Agenda derer, die diese technischen Hilfmittel zur Verfügung stellen.

Was hat das mit Musiktheater zu tun? Das Phänomen hat auch eine musikalische Brisanz. Es wird behauptet, dass die Mathematik hinter Szenarien hörbar ist. Sie lässt sich mit Hilfe ausgewählter kompositorischer Prinzipien hörbar machen. Wichtiger Unterschied gleich zu Beginn: die Mathematik hinter Szenarien kann selbständig Musik produzieren, zumindest “Musik”, das wissen wir. Jedoch hier ist etwas anderes gemeint: die Mathematik hinter Szenarien hörbar machen. Dieses Musiktheater kann diese – spezielle – Mathematik selbst erfahrbar machen.

26.4.2024

Benefit von Szenarien

Überall und immer stehen zwei mögliche Lebensformen in Konflikt miteinander: an der grausamen Welt des Betriebs teilnehmen oder mit Hoffnung auf Seelenheil sich nach Möglichkeit zurückziehen. Action oder Kontemplation, Mitmachen und Jasagen oder Boykott und Besinnung.

Das Prinzip Szenario befindet sich irgendwie dazwischen. Es modelliert wahrscheinliche und unwahrscheinliche Verläufe. Daraus lassen sich sinnvolle Handlungen ableiten. Gesammelte Daten und Erfahrungen werden ausgewertet, um nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit das vorwegzunehmen, was auf einen zukommt. Empirie und Theorie (Erfahrung und Kontemplation) werden mit einer Praxis verknüpft. Szenarien können vita activa und vita contemplativa miteinander versöhnen.

Das Szenario vereint außerdem politische Themen und musikalische.

Die Gesellschaft (Wissenschaft, Betriebe, Versicherungen etc., indirekt auch jede Privatperson) betrachtet die Zukunft durch die Brille der Wahrscheinlichkeit. Sie tut dies immer konsequenter mit Hilfe der Stochastik und der technischen Datenverarbeitung. Wir versprechen uns davon, objektiver entscheiden zu können, was gerade zu tun ist. Außerdem wollen wir Überraschungen vermeiden.

Wahrscheinliches zu leugnen wird schwerer und führt zu inneren Spannungen, weil das Hirn nicht aufhört, Überraschungen zu vermeiden. Solche Spannungen treten oft als Wut nach außen. Wir können an der Anzahl der afd-Wähler ablesen, wieviele es in unserer Gesellschaft betrifft. Zur Zeit scheinbar jeden Fünften.

Unabhängig von der Frage des Leugnens stellt sich heraus, dass wissenschaftliche Vorhersagen zwar robuster sind als traditionelle, aber eine höhere Schwelle zur Praxis mit sich bringen. Wenn sie implementiert werden, widerspricht das scheinbar der demokratischen Idee. Sie können uns zwar im Einzelfall auch persönlich überzeugen und etwas aufrütteln, aber sie finden nur bei Wenigen Eingang in die persönlichen, als freiwillig empfundenen Entscheidungen. Dadurch erreichen wissenschaftliche Vorhersagen die demokratische Mehrheit an der Wahlurne nicht: Der demokratische Wahlkampf lebt von Botschaften, die durch eine spezifische Mischung aus Halbwissen, Emotion und Charisma überzeugen.

Ironischerweise unterliegt also das wissenschaftliche Szenario gerade auf der statistischen Ebene (Wahlen). Selbst wenn alle Zweifel an der Stimmigkeit des Szenarios ausgeräumt sind, indem die selben Vorhersagen sich bereits über Jahrzehnte erfüllen, verbinden wir es nur dann mit unserer individuellen Lebensstrategie, wenn keine Kosten damit verbunden sind.

Denn zur emotionalen Seite der Politik kommt die Seite des privaten Kontos. Politik ist längst nicht mehr ein gemeinsames Projekt einer Wertegemeinschaft, sondern ein staatlicher Service, der dazu dient, die Bequemlichkeit des eigenen Lebens zu steigern. Die Deutschen sind mehr Maden im Speck als Bürger. Politik ist ein Teilgebiet der Steuererklärung und der Rentenbescheide.

27.4.2024

Politiker haben gegenüber Szenarien eine starke Karte in der Hand: sie können den Wählern anbieten, ihre Hoffnung auf eine schönere Erzählung, auf eine alternative Wahrheit zu stützen. Wenn sie das hinkriegen, ohne zynisch zu wirken, überzeugt das uns unmündige Wahlberechtigte mehr als jede Wahrscheinlichkeit. Ein gut erfundenes Orakel hat mehr politische Mobilisierungskraft als das prosaische Gesetz der Großen Zahl. Das Allgemeine berührt uns offenbar nur unter bestimmten Bedingungen.

Auch das Szenario nutzt auf seine Weise die Kraft des Narrativs, große Zahlen hin oder her. Es funktioniert – einmal abgesehen vom Kontext demokratischer Wahlen – erstaunlich gut. Wir bemerken die Brille der Wahrscheinlichkeit in manchen Lebensbereichen kaum noch. Mein Projekt setzt daher diese Brille ab und vergleicht sie mit der Brille des Mythos und des Unbewussten.

28.4.2024

Durch die KI nähert sich das Statistische dem Unbewussten an. Während es stimmt, dass in Wahlkämpfen alternative Wahrheiten auf der Oberfläche gegen statistisch fundierte Argumente antreten, haben der Brexit und die Trumpwahl 2016 gezeigt, dass Microtargeting am Ende die demokratischen Wahlergebnisse zu beeinflussen in der Lage ist, bzw. zu steuern hilft – durch Statistik, Big Data und Stochastik. Private Daten werden für die gezielte Beeinflussung von Wählern, u.a. mit alternativen Wahrheiten, zu Hilfe genommen.

Der Unterschied zwischen den 2020ern und den 1990ern besteht darin, dass die KI von heute sich auch als unser Unterbewusstsein beschreiben lässt. Das macht es noch komplizierter, zwischen Mythos und wissenschaftlichem Szenario zu unterscheiden. Statistik ist im gleichen Maße brauchbar wie missbrauchbar, wissenschaftlich brauchbar wie missbrauchbar für gezielte Lüge.

Das Projekt versucht, Singuläres und Universelles zusammenzubringen. Den Punkt aufspüren, an dem die allgemeine Prognose auf die einzelne Identität trifft. An dem theoretische Überlegungen auf konkretes Handeln treffen, an dem aktuelle Musik auf aktuelle Politik trifft.

Drei Sängerinnen, die zugleich Performerinnen sind, eine Pianistin, ein eigens entwickelter Sampler und singendes Publikum.

1.5.2024

Musikalische Grundidee

In einem Antrag auf Drittmittel für ein wissenschaftliches Projekt tauchte 1956 erstmals der Begriff “artificial intelligence” auf. Fast zeitgleich platzte im Bereich der Neuen Musik unvorhergesehen eine Bombe. Die Uraufführung von „Metastaseis” im Jahr 1955 begründete einen eigenen Zweig der Neuen Musik.

Die Xenakis-Bombe wurde bis heute nicht wirklich aufgearbeitet. Unendlich oft erwähnt und eingeordnet, aber in ihrer Bedeutung für uns heute nicht wirklich aufgegriffen. Ein griechischer Ingenieur und Widerstandskämpfer hatte in diesem Orchesterwerk alle bisherigen Techniken und Traditionen musikalischer Organisation durch Stochastik ersetzt. Das Orchesterstück offenbart vom ersten Moment an, das sein Autor sich um einzelne Tonhöhen und deren Proportionen nicht mehr kümmert, nicht um Tonsatz, Harmonie, Kontrapunkt, Reihentechnik. Er hatte es mit Hilfe der Stochastik und der Geometrie geschrieben, eine vertonte Zeichnung von komplexen Strahlenbündeln und ein akribisch berechnetes Klangchaos. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung organisiert, wie Tonhöhen und Dauern verteilt sind. Xenakis war dadurch in der Lage, beispielsweise sechzig Streicherparts so aufeinander abzustimmen, dass jedes etwas anderes spielt, aber alle zusammen dieselbe Bewegung vollziehen, wie ein Schwarm. Nie war ein europäisches Orchesterstück so weit weg von der Tradition der europäischen Klassik bis hin zu Pythagoras und allem, was bisher über Musik bekannt war.

Dem Stück „Metastaseis” gingen Werke anderer Komponisten voraus, die auf andere Weise mit Wahrscheinlichkeit, offener Form und Würfeln spielten. Der Versuch, durch unbestimmte Notation den Grenzen des einzelnen Subjekts zu entkommen, findet sich zeitgleich bei verschiedenen Komponisten mit unterschiedlicher Gewichtung. Inspiriert von John Cage hat sich besonders Morton Feldman mit aleatorischen Methoden beschäftigt. Aus einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber Kontrolle und Systematik störte er sich an mathematisch rigiden Kompositionstechniken. Sein Werk reagierte genauso scharf, aber konträr zu Xenakis auf das anbrechende statistische Zeitalter.

Ähnlich wie die technische Begeisterung und Aufbruchsstimmung in bezug auf Künstliche Intelligenz bald für Jahrzehnte wieder versiegte, geschah dies auch in der Musik. Der Aufbruch der 1950er wurde nicht zum Umbruch. Zunächst.

Die Rolle, die statistische Intelligenz in unserem Leben spielt, ist mit 1955 kaum vergleichbar, doch die Prinzipien wurden damals bereits erfasst, mit sehr unterschiedlichen künstlerischen Konsequenzen und Visionen.

Um auf die statistische Durchdringung unseres Lebens heute künstlerisch zu reagieren, brauchen wir einen Ansatz, der beide Schulen miteinander vereinbart, die mathematische von Xenakis und die offene Form von Feldman – und beide auf das Zusammenspiel zwischen Musik und Performance überträgt. Das Projekt wird die Spuren aus den Aufbruchsjahren der Neuen Musik aufgreifen und verknüpfen mit den uns heute aufregenden Möglichkeiten statistischer Intelligenz.

Wahrscheinliche Musik trifft auf unwahrscheinliche.

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