Organisiertes Vergessen

Künstlerische Forschung zum Thema des Vergessens und der Musik.

– Dank an den Fonds Darstellende Künste für das Recherchestipendium –

“The past is yet to come.” Bayo Akomolafe

Einführung
Das Projekt hat begonnen mit Recherchen zu Musik und Gedächtnis (Einführung) und kulturwissenschaftlichen Deutungen des Vergessens, Texte von Aleida Assmann, Marc Augé, Paul Connerton, außerdem Erfahrungsberichte zum Umgang mit krankhaftem Vergessen. Ein szenischer Text ist daraus bereits hervorgegangen und wird bei Interesse gerne zur Verfügung gestellt.

Das interdisziplinäre Projekt im Bereich Musiktheater zielt auf die Rolle gemeinsamer Erinnerungen. Wem gehören Erinnerungen und welches Recht auf das Vergessen gibt es? Als flüchtigste der Künste hat Musik zu dem Thema etwas beizutragen. Organisiertes Vergessen ist ein Synonym für Musik. Obwohl die Luft nur kurz erzittert und das Wellenmuster sofort wieder verschwindet, lassen sich Geräusche, Musik und auch Gerüche abspeichern. Sie verfangen sich in unserem Hirn. Vielleicht weil auch dieses schwingt und sich prozessual formt.
Flüchtigkeit und Erinnerung gehören zusammen. Das prägt die Zeitstruktur der Musik dieses Abends. Wie Komposition und Performance hier speziell ineinandergreifen, speist sich aus diversen Experimenten und Kollaborationen auf dem Feld des avantgardistischen Musiktheaters und zeitgenössischen Tanzes.

1. Thema Vergesslichkeit

„Vergessen ist wie die Arbeit im Garten. Damit
bestimmte Pflanzen wachsen können, müssen
andere von Anfang an zurechtgestutzt werden.“
Marc Augé, Formen des Vergessens

Der biographische Garten

Vergesslichkeit kann tragisch sein und komisch. Sie berührt die flüchtige Materialität der Stimme. Ein Musiktheater über das Vergessen ist naheliegend.

„Das Organisierte Vergessen“ interessiert sich für den Punkt, an dem private und kollektive Fiktion aufeinandertreffen. Die private Fiktion meint die Tendenz, sich so zu erinnern, dass die Ereignisse des eigenen Lebens bestimmten Vorstellungen oder Werten entsprechen und sich kohärent erzählen lassen. Möglich ist dies durch gezieltes Vergessen. Die kollektive Fiktion auf der anderen Seite bezeichnet gemeinschaftsstiftende Ideologien und Narrative, die eine ähnlich selektive Darstellung der Wirklichkeit voraussetzen, wie etwa Nation, Religion, Rasse oder Gattung.

Ohne gezielte Vergesslichkeit haben Gemeinschaften keine Kontur, aber auch unsere persönlichen Erinnerungen. Das Weglassen verschafft uns Identität und Erzählbarkeit. Das oben zitierte Bild des Gartens legt nahe, dass es im Umgang mit dem Lebendigen einigen Spielraum gibt zwischen einem unzugänglichen Biotop und einem französischen Park. Emotionale Erlebnisse können weniger leicht ausgeästet werden als sachliche Hinweise. Das aktive Vergessen dient der inneren Kohärenz. Es schuldet der Gegenwart der Person mehr als der Vergangenheit oder einer historisch verallgemeinerbaren Objektivität. Dieses Vergessen ist nicht als Schwäche zu sehen, sondern als Fähigkeit, die einer Ordnung folgt oder eine Ordnung schafft.

Ein schmaler Grat verläuft zwischen dem Vergessen, das ein einzelner Mensch an sich feststellt, und dem Vergessen, das eine Familie oder ein ganzes Land bewerkstelligt. Dieser Grat ist nicht immer leicht zu orten. Die Sänger:innen finden sich auf wechselnden Seiten wieder, solistisch und mehrstimmig, singend und sprechend, im konzertanten und im szenischen Modus.

Das neue Vergessen

Die Digitalisierung hebt die Kunst des kollektiven Vergessens auf eine höhere Stufe. Die flache Performance des Worldwide Web bildet die Tierperspektive nicht ab. Bildschirme bringen Inhalte rigoros auf denselben Abstand, egal wann und an welchem Punkt der Erde sie eingespeist oder rezipiert wurden. Gegenwart folgt Gegenwart, aufrechterhalten durch elektronische Ströme und elektrische Lüftungen. Elektrizität vs. Alterung: die Digitalisierung prägt eine elementar andere Zeitstruktur als die biologische. Alle Spuren bleiben frisch und gegenwärtig, solange der Strom fließt. Sie reagieren nicht, wenn Identitäten sich fortspinnen. Gesagt ist gesagt, immer und überall lesbar im virtuellen Staat. Will jemand ein freies Radikal ungesagt machen, kann auf die ausbleichende Wirkung der Zeit nicht gehofft werden. In diesem Garten wächst kein Gras. Um Konturen zu schaffen, müssen Inhalte anders hierarchisiert werden. Aktuell geschieht dies über ihren Verkaufswert oder den Datenmarkt.

Informationen zu hierarchisieren ist der erste Schritt des aktiven Vergessens, sei es im Kopf oder im Internet. Dort sind Suchmaschinen und KI-Anwendungen der Ort, wo über Erinnern und Vergessen entschieden wird. Sie sind die Hüter des Archivs und zugleich ein Marktplatz, dessen Regeln sie selbst aufstellen. Sie konturieren die uferlosen Daten und wissen, was ihre unzähligen Stammkunden gerne hätten. Ohne die geschickte und rabiate Gartenschere im Online-Plasma könnte dort niemand eine Nachfrage erzeugen und mit ihrer Befriedigung Geld verdienen.

Das Prinzip der interaktiven emotionalen Bewertungsikonen, Herzchen, Sterne etc. lässt die einen Pflanzen wachsen und die anderen verkümmern – und ähnelt damit prinzipiell dem individuellen Gedächtnis. Ein auffälliger Unterschied zwischen persönlicher und algorithmischer Gartenarbeit liegt in der Perspektivität. Der virtuelle Garten kommt ohne historische oder räumliche Tiefe aus. Das Projekt thematisiert auch diese Form von organisiertem Vergessen und macht erlebbar, welches Verhältnis wir zu unserem eigenen Gedächtnis und dem virtuellen kollektiven pflegen.

2. Musikalische Herangehensweise

Klang zu organisieren führt fast zwangsläufig dazu, das Vergessen zu organisieren. Der Flüchtigkeit der Stimme wird mit verschiedenen Mitteln begegnet, Wiederholung, Variation, Reim, Metrum oder Loops. Auch die Erinnerung baut ihre Brücken. Wir können etwas wiedererkennen, wenn unsere Aufmerksamkeit zwischendurch woanders war, in der Musik bekannt als ABA-Form. Offene Formen tragen stärker dem prosaischen Fließen des Bewusstseins Rechnung, der Nichtwiederholbarkeit lebendiger Prozesse. ABCD statt ABA. So geben sich Kompositionen der sogenannten E-Musik geradezu dadurch zu erkennen, dass sie die Wiederkehr zu A vermeiden und das Vergessen ertragen.

Ausgehend von der Analogie zwischen Bewusstseinsprozessen und musikalischen Prozessen zielt das Projekt auf die besonderen Möglichkeiten der Musik, das Vergessen materiell gestaltbar zu machen. Modellhaft sollen verschiedene kompositorische Mittel beleuchtet werden, die sich der Flüchtigkeit von Stimmklängen schulden, so dass diese Mittel selbst zu Motiven werden. Allen voran steht das Ritornell, s.u. So könnte nach jedem Sprachblock der Gesang mit denselben Gesten und Figuren einsetzen, sich dann aber jedesmal anders weiterentwickeln.

Funk

Aktuelle Forschungen zeigen, dass unser Gedächtnis über Dissonanzen und Konsonanzen reguliert wird. Ob wir eine Information speichern oder nicht, hängt davon ab, ob das Hirn bestimmte Bereiche miteinander synchronisiert. Zumindest das aktive Vergessen bedient sich dieser Möglichkeit, Hirnareale in unterschiedlichen Frequenzen schwingen zu lassen, um zu verhindern, dass eine Information gespeichert wird. Die Analogie zwischen organisiertem Klang und organisiertem Bewusstsein betrifft also nicht nur die strukturelle Ebene. Im Hirn ist ein sich wandelnder Akkord der Hirnbereiche festzustellen, die über ihre Schwingungsfrequenzen miteinander interagieren, harmonieren oder Störfunk schaffen. Vereinfacht gesagt: Konsonanz öffnet das Gedächtnis, Dissonanz schließt es. Somit entpuppt sich der neurophysiologische Vorgang des Vergessens und Erinnerns als ein fast musikalischer, der sich im Bereich von 1 bis 25 Hertz abspielt, angrenzend an die hörbaren Bereiche des Bassregisters. Das erlaubt einen veränderten Blick auf Konsonanzen und Dissonanzen und auf den Einsatz von Musik im Kontext. Aus der scheinbar rein formalen Frage der Dissonanz könnte eine erzählerische Funktion ablesbar werden: was schwingt sich ein in die größeren Bögen und was kratzt nur kurz am Fenster? So bildet die Musik möglicherweise das Gedächtnis ab.

Die Ritornell-Metapher

„Das Gedächtnis, als Universumslinie betrachtet.
Der konstante, wesentliche, elementare Akt des
Geistes hat den Charakter einer Rückkehr.“
Paul Valéry, Cahiers

Von der Rückkehr des Odysseus über die Wiederauferstehung bis zur musikalischen ABA-Form: das Wunder ist die Wiederkehr.
Das Ritornell steht Pate. Das Ritornell ist der Formteil, der im barocken Solokonzert vor und nach jedem Soloteil erklingt. Es beinhaltet neben der Wiederkehr des Themas auch die Rückkehr ins Ensemble, vom Alleingang ins Kollektive. Dieser Wechsel wurde zu einer Grundform der Konzertmusik und ist in veränderten Spielarten bis heute prägend. Die erinnernde Wiederkehr des Themas, diese urkonzertante Thematik, verbindet das Ritornell mit einem fast schon erzählerischen Vorgang: das einzelne Instrument löst sich im Kollektiv auf.

Als auskomponiertes Spiel der wechselnden Perspektiven konturiert das barocke Ritornell die Grenzen des einzelnen Subjekts und löst sie doch auf. In seiner doppelten Funktion als einrahmender und erinnernder Formteil ermöglicht es uns, das einzelne, originelle Vergessen mit der kollektiven Vergessenskultur zu verbinden.

Der Wechsel zwischen Verschmelzen und Indvidualisieren findet zunächst im Notentext statt. Er findet aber auch unter den Musizierenden und im Publikum statt. Das gemeinsame Musizieren und das gemeinsame Horchen auf organisierten Klang übersteigen jeweils das Subjektive.

Die gestreamten Premierenbesuche sind fast vergessen. Dieses Projekt stellt in den Mittelpunkt, wie sich individuelles und kollektives Vergessen treffen und untersucht genauer, wie Alleingang und Zusammenkunft musikalisch ineinander übergehen. Denkbar ist, dass Bildschirme bestimmte Positionen der Sänger:innen im Raum verdecken, während auf ihnen die abgefilmte Dokumentation des Abends „live“ zu sehen ist.

Diese Grundthemen kommen musikalisch zusammen: das identitätsstiftende, konturierende Vergessen; digitale Erinnerungshilfen; neurophysiologische Schwingung; das Ritornell als komponiertes Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft; der kollektivierende Effekt des Live-Konzerts. „Das Organisierte Vergessen“ übernimmt einerseits das Prinzip des Ritornells, insofern das Vokalensemble immer wieder von Neuem Bruchstücke anstimmt, die die gesprochenen Dialoge und Monologe auffangen, ähnlich wie die Tutti im barocken Vorbild. Andererseits beschäftigen diese Bruchstücke sich auf unterschiedliche Weise mit den genannten Themen – und mit der Flexibilität, Leichtigkeit und Flüchtigkeit des Atems als materieller Grundlage des Formbaren.

Um diese Ritornelle unserer sozialen Gegenwart anzupassen, ließe sich das Prinzip des concertare umdrehen. Beispielsweise verschwimmt ein 6-stimmiges Unisono unmerklich zu einem mikrotonalen Cluster aus 6 Stimmen, bis aus einem Block ein mehrstimmiges Gebilde entsteht.

  1. Text
    Kontext

Erinnerungen sind wandlungsfähig, in meinem eigenen Kopf und in der Gesellschaft insgesamt. Die Komplexität des Themas hat viele klassisch gewordene Reflexionen darüber in der Literatur des 20. Jahrhunderts hinterlassen. Marcel Proust setzte den Fokus auf die Kraft der unsystematischen Erinnerung. Uwe Johnson entwickelte das halb fiktionale, halb dokumentarische Erzählprinzip der „Jahrestage“. Dystopien wie „1984“ und „Fahrenheit 451“ verbinden Erinnerungsfähigkeit und politische Mündigkeit miteinander. Weitere Beispiele der literarischen Auseinandersetzung, die stärker in die heutige Schwerpunktlegung deuten, waren Max Frischs letzter Roman “Der Mensch im Holozän” und etwas später Arno Geigers “Der alte König in seinem Exil”.

Im 21. Jahrhundert tritt zunehmend der konkrete Umgang mit den organischen Gründen für Vergesslichkeit und Persönlichkeitsverlust in den Vordergrund, da mehr Menschen älter werden. Tilmann Jens’ Bericht über die Demenz seines Vaters Walter Jens verbindet die persönliche Vergesslichkeit einer öffentlichen Figur mit der deutschen Frage der Erinnerungskultur. Auch neueste Entwicklungen in der Medizin und Ernährung bereichern die Diskussion. Relativ neu ist die Frage, ob die Unterforderung unseres Gedächtnisses durch das stets verfügbare Smartphone zur Zermürbung unserer Identität führen könnte, Stichwort Digitale Demenz. Auch hier spielt das Verhältnis Solo – Ensemble eine Rolle.

Relevant sind auch die geisteswissenschaftlichen Annäherungen an das Vergessen. Marc Augé hat neben dem Bild des Gartens für das Gedächtnis ein weiteres Bild entworfen: Wenn das Land die Erinnerung ist und das Meer das Vergessen, dann ist die Uferlinie unser Lebensnarrativ. Den dynamischen Part nimmt hier das Meer ein, das Vergessen. Ein starkes Plädoyer dafür, das Vergessen als aktiv formenden Vorgang zu betrachten, hatte zuvor auch Aleida Assmann gehalten.

Stücktext

„Das Organisierte Vergessen“ wird neben den Vokalkompositionen von Dialogen getragen, die von den Unsicherheiten erzählen, die das Vergessen auslösen kann, wenn es sich nicht einordnen lässt.

Zwischen den beiden Arten des organisierten Vergessens, des biographischen und des gemeinschaftlichen, entspinnen sich szenische Situationen: Ein unter dem allgemeinen Demenzsyndrom leidender Mensch – ohne spezifische Diagnose – wird von verschiedenen Personen aufgesucht, darunter auch solche, die sich in der Tür irren, in betrügerischer Absicht auftauchen oder selbst dement zu sein scheinen. Ob die Grenzen zwischen erinnern und vergessen freiwillig gezogen sind, entgleitet immer wieder dem Blick.

Für das Projekt kann auf Erfahrungen mit recherche-basierter Arbeitsweise aufgebaut werden. Die Produktion „Schwebstoff“ begann 2020 mit der Idee, Chormaterial zu schreiben, das von vornherein aerosolarm ist. Nach intensiver Recherche- und Kompositionsarbeit, ermöglicht durch Stipendien aus den Mitteln von Neustart Kultur, mündete es zwei Jahre später in einen Musiktheaterabend über eine Aerosolmanagerin, die sich in einer verschollenen Ballonfahrerin wiederfindet. Gemeinsam mit dem achtköpfigen Vokalensemble lotet sie das Verhältnis von Vokalmusik und Atmosphäre aus.