Tag Archives: wagner for sale

Presse WAGNER FOR SALE

Tagesspiegel

Helden im Ausverkauf
“Wagner for Sale“ an der Neuköllner Oper.

von Sybill Mahlke

Dauernd klingelt das Telefon in der munteren Tonfolge von Siegfrieds Hornruf. Das nervt Sekretärin Hilde Brün, weil die Anrufer sie mit Wünschen nach Fan-Artikeln zuschütten, die sie kaum versteht: „Wie kann man ein ganzes Buch über einen Akkord schreiben?“ Die Unermesslichkeit des Themas schließt seine Eignung für Satire ein.
Es muss eine Liebe zu Richard Wagner sein, die einem heutigen Komponisten den Devotionalienhandel „Wagner for Sale“ zu dessen 200. Geburtstag diktiert. Moritz Gagern heißt er und hat bereits „Hacking Wagner“ in München musikalisiert, wo er auch Dramaturg des „Babylon“-Projekts von Peter Sloterdijk und Jörg Widmann an der Bayerischen Staatsoper ist.
Ein philosophischer Kopf mit Jazzausbildung.
Gagerns listiges kleines Musiktheater kommt an der Neuköllner Oper als seine zweite Zusammenarbeit nach „Lovesick“ mit der Choreographin Sommer Ulrickson heraus. Sie führt Regie und spielt (als Hilde) auch mit, neben der Sängerin Olivia Stahn, dem Schauspieler Christian Bo Salle und dem Komponisten selbst, der in dieser Eigenschaft für technische Zuckungen des Wagner-Kosmos mit Repetitionsneigung sorgt, eine magische, irritierende Begleitmusik.
Die Bühne stellt das Büro der Firma „Ring und Gral“ dar, und Hilde gerät in Trance, wenn sie Töne hört, die sie zu immergleichen Motionen verführen: „Selige Öde.“ Mitunter sind die Klangbeispiele, die sich wohl überwiegend an Insider wenden, so kurz, dass beim Hören heiteres Wagnerraten einsetzt. Oder sie wiederholen sich, als sei die Platte kaputt. Und ewig hämmern die Nibelungen. Bald ist die kleine Truppe zwischen Devotionalien, Umzugskartons, Kostümen, Helm und Schwert, „Revolution“-Schrift und Kostümen total gestört. Missverständnisse, Theaterrequisiten, Gartenzwerg, die Sängerin in Herrenunterwäsche verfremdet den Tenorpart des Siegmund, während beide Frauenstimmen Brünnhildes Flehen „Der diese Liebe mir ins Herz gehaucht“ verdoppeln in Richtung Dienstmädchenterz. Das ruft Rezeptionsgeschichte wach. Die vier Performer, nun ganz in unbeflecktem Weiß, singen als Finaleffekt überraschend abrupt: „Grüße mir Wälse und alle Helden!“ Keine Weiterrede. Punktum!


Süddeutsche Zeitung

Mythen sind Devotionalien
Die Neuköllner Oper Berlin seziert die Wagner-Welten

von Wolfgang Schreiber

Gut, dass es neben den erprobten Operntankern Berlins die kleine freche Neuköllner Oper gibt, wo regelmäßig aus der Reihe getanzt wird. Immerhin mit knapp 300 Vorstellungen im Jahr, 75 Prozent Auslastung. Opernkunst im aufgestiegenen Berliner Problembezirk Neukölln agiert haarscharf am Alltag entlang. Dort feiert man jetzt den runden Geburtstag des Komponisten Richard Wagner – mit der Musiktheater-Farce “Wagner for sale”, genannt auch “ein Devotionalienhandel”.
Wer das sehen und hören will, muss über eine knarrende Holztreppe den vierten Stock des Gebäudes Karl-Mark-Straße 131-133 erklimmen, in dem sich das Kino “Passage” befindet. Hier findet in einer winzigen Theaterkammer für vielleicht 70 Zuschauer statt, was sich als “Institut für postneurotische Oper” zu erkennen geben will, also das ziemlich genaue Gegenteil zum Festspielhaus in Bayreuth. Wie dort fliegt uns hier Wagner um die Ohren, allerdings nur vom Band und in Form hektisch geschnittener Klangfetzen aus Leit- und Leidmotiven, als Parodie und Karikatur der Wagnerschen Schwert-, Speer- und Welterlösungsdramen.
Fast gibt es so etwas wie einen Plot: Die Musikalienfirma “Ring und Gral” sieht sich überschwemmt mit Wunschen nach Wagnerraritäten und Fanartikeln, die nervösen Mitarbeiter im Büro landen inmitten ihrer Bücher und Notenstapel immer wieder in der Traumwelt von Wotan, Fricka & Co. am Ende im Chaos ratternder Text- und Tonzitate. Das Telefon nervt mit Siegfrieds Hornruf, und Sekretärin Hilde gerät jedes Mal außer sich, wenn Wagners Melodien erklingen, sie holt das gestische Potenzial des Überdrehten und Überspannten in Wagners Musik mit wilden Verrenkungen hervor, wie es keine Opernaufführung so zuckend-grotesk zeigen kann.
Der junge Münchner Komponist Moritz Gagern, der nach einer Jazzausbildung Philosophie studierte und an der Bayerischen Staatsoper Dramaturg der “Babylon”-Oper war, hat das alles arrangiert und zusammen mit der kalifornischen Choreografin und Performerin Sommer Ulrickson aus Berlin den einstündigen Wagner-Hexensabbath entworfen, den beide auf der Bühne heroisch durchexerzieren, zusammen mit einem Schauspieler (Christian Bo Salle) und einer Sopranistin (Olivia Stahn). Sie singt, brünnhildenhaft, immer dann stur wie eine Aufziehpuppe, wenn sie ihren Ring am Finger trägt, sie verstummt ruckartig, sobald er ihr entwendet wird.
Im Quartett der Versatzstücke werden so gut wie alle Fragen nach Wagners Weltanschauung gestellt – der Revoltuionär, der Antisemit, der Erlösungsmystiker, der Mythenchemiker, der Wahntechniker. Gut, dass wenigstens die Neuköllner Oper den Panoramablick auf Wagner von schräg unten anbietet. Und dass sie den Wagnerkult so vorbildlich schreddern kann.


Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung

Neuköllner Oper: Wagner for Sale

Von Clemens Haustein

Mit “Wagner for Sale” läuft in der Neuköllner Oper eine urkomische, ziemlich abgedrehte Bühnenshow, die sich zum 200. Jubiläum der Themen des Dichters annimmt. Sechzig Minuten Nonsense, Situationskomik und Spaß formen eine gelungene Parodie.
Es gehört zum Schicksal der Welterklärer, dass die Welt, die sie soeben erklärt haben, ihnen nicht nur mit dankbarer Bewunderung antwortet, sondern auch mit Spott. Es bleibt wohl dabei: Jeder kann immer nur seine eigene Welt erklären, und sobald er Allgemeingültigkeit beansprucht, begibt er sich auf glattes Eis. Es gibt dann diejenigen, die meinen, ihnen sei auch ihre Welt erklärt worden – und die zu Jüngern werden. Und wohl ebenso viele andere, denen das alles absurd oder komisch vorkommt.

Richard Wagner hat der Welt große Welterklärungsdramen geschenkt – und naturgemäß ebenso viele Steilvorlagen, sich darüber lustig zu machen.
Die ergeben sich nicht zuletzt aus dem mythischen, zuweilen pseudoreligiösen Nebel, mit dem der Dichterkomponist seinen Gültigkeitsanspruch inszeniert: Altertümelnde Sprache, der Hang zum Weihevollen, ein Opernpersonal, das selten ohne Speer, Schild und Helm ausgeht. Das wurde schon zu Lebzeiten Wagners eifrig parodiert und karikiert. Wenn jetzt 200 Jahre Wagner gefeiert werden, bedeutet das zugleich mindestens 150 Jahre Wagner-Parodie, -Karikatur und -Witz. Diese wichtige Seite der Wagner-Rezeption wird bei den Feierlichkeiten bislang erstaunlich wenig gewürdigt. Vermutlich auch, weil sich das Witzeln über Wagner im Laufe der Jahre dann doch etwas totgelaufen hat.
Neurosen in Hosen
An der Neuköllner Oper wagt man es dennoch und brachte am Dienstag mit „Wagner for Sale“ einen urkomischen, ziemlich abgedrehten Beitrag zum Jubiläumsjahr heraus. Was da von vier Schauspielern auf der Bühne des Studios aufgeführt wird, ist vielleicht auch deshalb so gelungen, weil man sich auf Wagners große Themen erst gar nicht einlässt. Ausgangspunkt ist die heftige Wirkung seiner Opern auf die Kunstkonsumenten. Die Begeisterungswilligsten unter ihnen werden bekanntlich „Wagnerianer“ genannt. Drei Wagnerianer sind es auch, die hier den Devotionalienhandel „Ring und Gral“ betreiben – drei Personen mit einem deutlichen Zug zum Neurotischen.
Darunter ein bedächtiger Herr im braunen Cordanzug (Moritz Gagern), der den ganzen Abend lang keine Miene verzieht, aber der Leiter dieses Geschäfts sein muss, weil er noch weniger zu tun hat als alle anderen; er sieht es gar nicht gern, wenn sein Kollege (Christian Bo Salle) beim gemeinsamen Hören von Wagner-Highlights enthusiastisch mitdirigiert. Der Kollege selbst ist meist mit dem Abzählen der herumstehenden Kartons beschäftigt, wenn er nicht gerade bei einem Monolog über die „Revolution in der Musik Wagners“ außer sich gerät.
Das Horn ruft nach vorn
Den Hauptteil der Arbeit verrichtet ein Frauenzimmer in Kniestrümpfen, Rock und Rüschenbluse (Sommer Ulrickson). Sie nimmt Bestellungen auf, die über ein mit Siegfrieds Hornruf auf sich aufmerksam machendes Telefon eingehen. Sobald Wagner-Musik erklingt (in sehr gelungenen Klangcollagen, ebenfalls Moritz Gagern), muss sie wie eine Besessene tanzen, zucken, sich auf dem Boden wälzen. Bleibt als vierte Person eine echte Sängerin (Olivia Stahn), die zum Angebot des Wagner-Kramladens gehört und sich praktischerweise durch Drehen an ihrem Fingerring lauter und leiser stellen lässt.

Sechzig Minuten Nonsense, Situationskomik und überraschende Nichtigkeiten sind das; eine gelungene Parodie auf all jene, die süchtig sind nach dem Schauer, den Wagners Musik ihnen über den Rücken jagt. Unheimlich ist auch eine Tür im Hintergrund der Bühne, aus der es beim Öffnen windet und blitzt. Es ist der Ausgang aus dem Lagerraum von „Ring und Gral“, dort lauert die Außenwelt, die Realität. Und die ist der Horror für jeden Enthusiasten.

B.Z. Berlin
Wagner for sale in der Neuköllner Oper
Das Wagner-Jahr ist noch längst nicht vorbei. Grund genug für die Neuköllner Oper, noch eine Schippe draufzulegen. In “Ein Devotionalienhandel” von und mit Sommer Ulrickson geht es um vier Mitarbeiter eines Musikalienhandels mit Wagner-Fanartikeln. Singend tauchen sie in die Klangwelt seiner Opern ein, bis ein großes Chaos entsteht. Und jede Mühe, das Ganze auf den Vertrieb der Waren zurückzuführen, scheitert grandios.

Radio: RBB Inforadio, Barbara Wiegand

Ankündigungen:

Tagesspiegel
Kultur – Musiktheater
Wagner for Sale.

Der Devotionalienhandel „Ring und Gral“ möchte seine Lager räumen, wo sich Leitmotive stapeln. Etwa die des Herrn Tannhäuser, der allein achtmal sein eigenes Motiv zu singen hat. Moritz Gagern (Komposition/Arrangements) und Sommer Ulrickson (Regie) machen sich mit viel Verständnis für Richard Wagner daran, den Kult um ihn mit allem gebotenen Ernst auf die Schippe zu nehmen.

Berliner Morgenpost
Das Beste am Dienstag
Uraufführung: “Wagner For Sale” in Neukölln

Im Wagnerjahr 2013 steigt die Nachfrage nach originellen Wagnerraritäten und -fanartikeln. Die Neuköllner Oper hat diesbezüglich erstklassige Ware im Angebot: eine Uraufführung von “Wagner for Sale” in der Inszenierung von Sommer Ulrickson mit der Musik von Moritz Gagern. Ein theatralischer Devotionalienhandel, ein Sog von Texten, Klängen und Bewegung.