Der öffentliche Raum

Wem gehört eigentlich der öffentliche Raum, bevor er von der Stadt Berlin verschenkt wird an private Unternehmen? Es geschieht mit dem Argument der Arbeitsplätze. Die betroffenen Seiten streiten darüber, wie effektiv das in der Summe ist, oft werden gute Arbeitsplätze dabei zerstört und übelste Service-Sklaven-Jobs wie in der sogenannten “O2-World” geschaffen, wo der für 6,- Angestellte zuerst einen Lächelkurs absolvieren muss und dann unter ständiger Kontrolle sein Gesicht verkauft. Eine andere Frage ist, wie sich der Ausverkauf von öffentlichem Gut auf unsere städtische Lebenskultur auswirkt, deren Tradition zu den erhaltenswerten Errungenschaften der europäischen Geschichte gehört, und die wir uns nicht durch ein paar texanische Freunde aus dem Staubkreis des Bush-Clans wie Herrn Anschutz, dem Investor des O2-Geländes, zerstören lassen dürfen.

Es ist keine Zeit für Zahlenschlachten, aber man sollte sich mal ein paar Phänomene anschauen, die durch diesen für mich nach wie vor unerklärlichen Vorgang des Verkaufens von öffentlichem Raum entstehen – und die in ihrer äußeren Erscheinung nicht lügen können. Zunächst ein scheinbar unbedeutendes Beispiel mitten aus den 1990er Jahren, um zu verdeutlichen, wie lange dieses Prinzip schon herrscht in dieser Stadt.

An der Grenze zwischen Mitte und Prenzlauer Berg, dort wo Choriner Straße und Zionskirchstraße sich kreuzen, war eine der vielen Baulücken. Jemand hat einen Neubau hineingestellt. Er wurde – was schon damals niemanden überraschte – extrem hässlich, nicht im Sinne von: subjektiv hässlich, sondern in dem Sinne, dass man dem Material und der Struktur an jeder Stelle ansieht, dass alle Entscheidungen mit Hilfe eines Taschenrechners und unter Ausschluss mittel- und langfristiger Perspektiven getroffen wurden, eine jener typischen Bauten, die keine Chance haben, jemals lebendig zu wirken, sich in eine bessere Richtung zu entwickeln und langfristig vermietet zu werden, trotz Dachterrasse. Das ist aber normal, so läuft das, wenn einer “professionell” baut, das heißt: nicht für sich selbst, sondern für das Geschäft.

Eine der technisch ungeschickten Geizigkeiten des Gebäudes geht jedoch eindeutig über die private Entscheidung des Bauherrren hinaus. Alle Eckgebäude in diesem Gründerzeitviertel haben abgeschnittene Ecken, so dass an jeder Straßenkreuzung eine gewisse Großzügigkeit entsteht, eine stadtplanerische Maßnahme, die sehr sinnvoll zwischen privatem und öffentlichem Raum vermittelt in Gegenden, die eher eng bebaut sind, ohne repräsentative Plätze oder typische Altstadtstrukturen. Das berühmteste Beispiel für diese Art des Bauens ist das Eixample in Barcelona. Niemals würde hier einem privaten Bauherren erlaubt, das städtebauliche Prinzip zu brechen. Das leuchtet eigentlich jedem unmittelbar ein, das muss nicht erklärt werden. Oder? In Berlin ist das anders. Es ist an dieser Ecke passiert und seither an nahezu jeder neu geschlossenen Baulücke, zuletzt an der Ecke Rosenthaler und Linienstraße. Es tut weh: warum? Wegen ein paar Quadratmetern Spekulationsfläche wird städtebauliche Gestaltung und öffentlicher Raum verschenkt.

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In diese unbegreifliche Bevorzugung von einzelnen Privatinteressen gegenüber dem städtischen Ganzen gesellt sich eine noch krassere Beobachtung. Jeder, der den Blick von der Oberbaumbrücke geliebt hat, wurde bekanntlich geärgert dadurch, dass dem Investor einer Mehrzweckhalle, deren Namensrecht sich der Mobilfunkanbieter O2 erworben hat, erlaubt wurde, eine Reklametafel mitten in diese seltene Ansicht der Türme von Mitte zu stellen. Zähneknirschend verzichteten wir fortan auf den öffentlichen Standort Oberbaumbrücke – in der Hoffnung dass sich jemand findet, der das Teil fällt. Das geschah bisher nicht, vielleicht ein Erfolg der drei illegalen Überwachungskameraus auf dem privaten Pfahl. Stattdessen zeigt sich seit April 2009 der O2-Deal mit der Stadt noch mal in einer anderen Dimension. Auf fast allen offiziellen Straßenschildern in Mitte, Friedrichshain, Kreuzberg und Treptow findet sich ein Hinweispfeil für die O2-World, neben den Hinweisen “Lichtenberg”, “Kreuzberg”, “Schöneberg”, sogar der Zugreisende, der den Ostbahnhof verlässt, wird auf offiziellen DB-Schildern über die Richtung zur Halle informiert.

Ganze Arbeit leisten die Marketingabteilungen der beteiligten Konzerne, soviel steht fest. Hut ab. Man erwartet von Politikern nicht mehr, dass sie das Gesamte im Blick haben. Es ist trist. Eine Stadt wie Berlin ist nicht irgendein Geschäftspartner, eine Hauptstadt Berlin muss klüger sein, raffinierter, weitsichtiger, um verantworten zu können, dass sie dreieinhalb Millionen Bürger direkt und achtzig Millionen indirekt vertritt.

Wie können wir für öffentlichen Raum kämpfen in Zukunft? Ich will keinen Mobilfunkanbieter auf Verkehrsschildern beworben sehen. Ich will keine zugebauten historischen Straßenecken mehr sehen. Hilfe! Tun Sie was!

Das Schlimme ist: scheinbar unschuldige Helden wie Leonard Cohen treten in der “O2-World” auf und merken gar nicht, was sie tun. Oder doch? Perfide: Anschutz besitzt mehrere Sender und Kommunikations-Unternehmen, vielleicht auch die Agentur von Leonard Cohen, seine Plattenfirma und weiß der Teufel was noch. Anschutz ist der US-Berlusconi, nur dass er offiziell keine politische Verantwortung trägt. Er kann vielleicht jemanden wie Cohen geradezu zwingen, in seiner Arena aufzutreten, ein Produkt unter vielen, die hier geschickt auf dem Boden von Friedrichshain-Kreuzberg hin und her geschoben werden. First we take Manhattan, then we take Berlin.

Ich liebe Amerika über alles. Um das zu unterscheiden: es geht nicht um Amerika, es geht um etwas viel Größeres, die Frage der Zukunft. Jean-Luc Godard hat diese Frage schon in den 1960ern gestellt, in seinem Film Alphaville: Wird unser Leben dem Prinzip des Rechners folgen oder dem Prinzip der Intuition? Dem Computer oder der Kunst?

Es gibt einen Satz, den mehrere Schriftsteller für sich beanspruchen, weil er ganz gut ist, Oscar Wilde, Friedrich Nietzsche und Albert Camus, und der vielleicht erklärt, warum die preussische Metropole ihr Kapital köpft. Ein Satz, der das Verzweifeln über die angeblichen Sachzwänge zum Ausdruck bringt, über die “alternativlose” Macht des Faktischen, des Bürokratischen: “Wer keinen Charakter hat, braucht eine Methode.”

Ruine Palast der Republik.jpgRuine des Palastes der Republik, Berlin MItte 2008

Biennale di Venezia 2009

In einer Ecke des Arsenale stehen ein paar Kartons mit Postkarten von Venedig, die man sich nehmen kann. Sie sind so gelungen schlecht, so gut getroffen als Genrestück “schlechte Postkarten”, dass sie noch nicht mal in ihrer Trashigkeit etwas hermachen, wirklich trist bis zur letzten Konsequenz. Dadurch ist es doppelt schön zu sehen, wie die Kunstbeflissenen sich eindecken mit diesen Objekten, die objektiv keinen Wert haben, außer dem einen, dass sie nichts kosten. Das ist stichhaltig: kulturellen Abfall produzieren und dorthin stellen, wo normalerweise Kunst steht, und dann abwarten… Das Subversive daran richtet sich gegen den Kunstbetrieb. Wenn er es vermag, durch seine Mechanismen diesen Karten irgendwann einen Tauschwert zu verleihen, dann hat der Tauschwert seine Aussagekraft über den künstlerischen Wert des Werkes auf eine wunderschön klare Art verloren.

Im isländischen Pavillon passiert etwas ähnliches, wenn auch mit anderen Mitteln und einem anderen Gestus. Der Raum ist sensationell, ein alter Salon zum Großen Kanal raus, man tritt aus der geflügelten Tür direkt auf den Anlegesteg, die Fenster gehen nach Süden, das Licht fängt sich abends in ihren gußeisernen Gestängen. Dazu gibt es einen winzigen Nebenraum. Im Nebenraum hängt die Kunst, eine Videoinstallation über das Musizieren im isländischen Schnee. Der Salon ist natürlich das eigentliche Werk, aber er sprengt den Werkbegriff. Hier lebt der Künstler während der gesamten Biennalezeit, spielt Gitarre, plaudert mit seinen eingeladenen isländischen Freunden, malt sich selbst beim Gitarrespielen in Unterhose, liest dies und jenes, die Taschenbücher liegen aufgeschlagen auf dem Sofa, während sich auf dem alten Brunnen in der Mitte die leeren Bierflaschen drängeln. Neidisch sieht man sich um und würde bald wieder gehen, wenn nicht gerade zufällig eine isländische Mädchenband für den Auftritt am gleichen Abend proben würde. Bis dahin wird alles leergeräumt sein, der Laden proppevoll mit jungen Venezianern, die Island irgendwie gut finden, und dann spielt Amiina!

Amiina ist eine großartige Band, gegründet von vier Isländerinnen, die nach ihrer Gründung ziemlich schnell beschlossen haben, dass Streichquartett sie weniger interessiert, stattdessen eine coole Mischung aus Glockenspielen, Sägen (mit Filzklöppel angeschlagen, nicht nur gestrichen), E-Geige, Synthies – und einem wunderbar transparent gespielten Drumset, dazu elfenreine Chöre und überhaupt keine Eile.

Das Tolle an Isländern ist, denkt sich der deutsche Reisende, dass sie in sich ruhen als Isländer, während der Deutsche sich dadurch auszeichnet, dass er immer weg will von sich selbst. Und wenn er es nicht will ist er tatsächlich unerträglich, das ist das Schlimme. Das Thema scheinen jedenfalls die Isländer nicht zu haben, sie sind eindeutig nordisch, von einem kleinen Inselchen mit einem Ministerium für Elfenangelegenheiten, ohne Nachbarn, ohne Kriege, ohne Feinde außer dem Klimawandel.

Der Klimawandel zum Beispiel war kein Thema auf dieser Biennale, soweit ich es gesehen habe. Das wäre mal eine schlagkräftigere Parole als “Fare Mundi!”. Welten machen, das klingt nach Luftschlösser bauen, um aus dem Alltag mal ausbrechen zu können. Die Welt erhalten ist die Herausforderung, nicht die Flucht ins Abstrakte.

“Mantenere Mundo!” – darum geht es doch, auch in der Kunst: aufzuzeigen, wo der Raum für das Leben und den Geist zerstört wird, zugebaut, vergiftet. Und freie Plätze besetzen, um sie zu öffnen und zu pflegen. “Fare Publicco!” hätte ich auch noch verstanden. Die Privatisierung stoppen durch das Schwert der Kunst. Wenn schon Parolen, dann politische, sonst ist das leere Schöngeisterei. Die Kunst ist in einem Häuserkampf und muss ihren Mann stehen, solange der öffentliche Raum weiter geschlachtet wird für die Feier des Goldenen Kalbes.

Und hier erscheint jetzt, fürchte ich, eine Anzeige, weil ich nicht 25,- Euro pro Jahr zusätzlich zahle dafür, dass keine Anzeigen erscheinen. (Könnten sich Wähler zusammentun und jährlich 25,- dafür zahlen, dass in ihrem Wahlkreis keine Werbung erscheint? Inklusive Wahlkampfwerbung?)

(Das Geld würde zum Beispiel an die schreckliche Firma Wall gezahlt, um verlorene Werbeeinnahmen an Busstationen zu kompensieren. Und dann könnte man nochmal soviel an die Firma zahlen dafür, dass sie ihre Objekte aus dem öffentlichen Raum schaffen. Wieviel zahlen solche Unternehmen dafür, dass sie den öffentlichen Raum möblieren dürfen? Wieso fallen solche Entscheidungen in Berlin immer zugunsten der hässlichsten Varianten? Warum haben die Vettern der Verantwortlichen im öffentlichen Dienst nicht einfach mal Geschmack? Korruption wäre ja nicht schlimm, wenn per Zufall trotzdem kompetente Leute zum Zuge kämen.)
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Published in the internet?

To “publish” in the web is a delusion. A blog is about as public as a widespread porno magazine subscription. Everybody can read the content at home, on the writing desk, but there is no collective testimony whatsoever. When we speak of the public in reference to the internet we confuse public with accessible.

While a printed newspaper is a thing, and therefore it claims to be an object of collective testimony, the words that appear and disappear on the screen are not a thing, and therefore they are not public in the same way as we have gotten used to this term since the idea of the public appeared in the middle of the 18th century. If somebody speaks in public, it seems to be even more elusive than words on a screen, which are at least reliably repeatable. But the person who speaks in public stands with his whole integrity and with the reliability of any legal person for what he utters. The person, the concept of integrity, is stronger and more of an “object” than the bodyless words in a pool of digital information that can easily be manipulated.

But most of all i think it is the mixture of privacy, publicity and publishing taking place in the little tools that display the web’s content, that causes a weaker character of being “public”. A computer most of the time is a private tool as well as a professional one, but not a public tool.

But didn’t you read the xy-blog? the existence of any blog could be invented in that very moment. I will send you the link… Nobody knows, whether i have found a specific site and know the content, or not. It’s different to say: But didn’t you read the newspapers? The internet is a private tool, which you can use or not, but it doesn’t define what is public and what is not.

Wahlprogramm der Linken

Alle schimpfen brav auf das demagogische Wahlprogramm der Linken. Was übersehen wird: aus der Kunstperspektive ist das Programm relativ gut gelungen. Während CDU und SPD vor lauter Realpolitik zu Vollzugskommandos der Globalisierung werden und dabei moderat klingen, solange die übermütigen, schrillen Stimmen der FDP sie wie eine Hundemeute dieses weltweiten Prozesses jagen, und während die Grünen der Herausforderung gegenüberstehen, einen längeren Atem zu brauchen, als man vermutet hätte, weil sie trotz der breiten inhaltlichen Bestätigung ihrer Forderungen nicht entsprechend an Wählerstimmen zu gewinnen, während dessen glänzt die Linke durch launische Lässigkeit, zumindest könnte man ihre Forderungen, wenn man sie für sich betrachtet, so sehen. Keine Auslandseinsätze der Bundeswehr, die Erhöhung bzw. Abschaffung von Hartz IV, ein Mindestlohn von zehn Euro (!), ein Konjunkturprogramm über 200 Milliarden Euro (1oo jährlich für staatliche Investitionen und 100 für einen „Zukunftsfonds“) und die Auflösung der Nato, die durch ein kollektives Sicherheitssystem unter Beteiligung Russlands ersetzt werden soll. Sogar ein paar grüne Töne sind drin, klar nach der Europawahl. Mit anderen Worten: Kein Krieg, dafür eine Weltarmee für humanitäre Einsätze, mehr Geld für alle, Steuergelder gezielt kanalisieren als Vorschub für die Zukunft. Das hat etwas Verwegenes, etwas Freies. In dem Verhau eines Wahljahres, dessen Protagonistin am liebsten mit der gleichen Mannschaft weiterregieren würde, weil sie verständlicherweise die “Liberalen” nicht ausstehen kann, die aber so tun muss, als wollte sie die SPD loswerden, diesen Rest einer alten Partei, der übrigblieb, nachdem Schröder sie kastriert hatte, in diesem Verhau wurde einfach mal ein dicker Balken Farbe aufgetragen, beherzt und mit einem guten Gespür für das Verdrängte, das Unmögliche, das als notwendige Perspektive an den real existierenden Umständen haftet. Da wird nach Luft geschnappt. Da werden sofort vorsitzende Verständige aufgefahren, Sachverständige sogar, ein Sachverständigenrat sogar:

FAZ: Zur Forderung nach einem Mindestlohn von 10 Euro sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrats, der Mannheimer Ökonom Wolfgang Franz, dies gefährde mehrere Hunderttausend Arbeitsplätze. „Dann können wir die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit gering qualifizierter Arbeitnehmer vergessen“, warnte Franz gegenüber dieser Zeitung. Angesichts der wachsenden Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt in der Krise passe die Forderung „wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge“.

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Die Linkspartei hatte lange Zeit einen gesetzlichen Mindestlohn von 8 Euro verlangt. Der Parteitag hat nun aber die Latte noch höher gehängt, obwohl einige Delegierte davor warnten. Der gewerkschaftsnahe Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel, der prinzipiell einen Mindestlohn von 7,50 Euro befürwortet, äußerte Zweifel, ob die höhere Forderung der Linken realistisch sei. „Ich glaube, 10 Euro sind nicht zu finanzieren“, sagte Hickel. Einige Branchen hätten Schwierigkeiten mit einer so hohen Lohnuntergrenze.

Die Linke formuliert, das ist ihr Prinzip, am frechsten das, was den Geschwächten gefällt – erstmal unabhängig davon, ob es umsetzbar ist. Da sie nicht an die Macht kommen wird, weil die meisten in der Krise pragmatisch denken, ist das auf eine gewisse Art legitim, sogar genau das Richtige. Es spiegelt einen politischen Ästhetizismus, der bei aller Vorsicht angesichts der deutschen Geschichte nicht besonders bedrohlich wirkt, weil er im globalen Gefüge sowieso keine Chance hat. Die Haltung, die ich gerne darin erkennen würde, wäre ungefähr diese: Lass uns doch einfach mal das ins Programm schreiben, was wir uns wünschen, und wenn man uns vertraut, tun wir alles, um das so gut wie möglich umzusetzen.

Ein umsetzbares Wahlprogramm ist ein Widerspruch in sich. Das Umsetzbare gibt es in der Politik nicht a priori. Was umsetzbar ist, zeigt der politische Alltagskampf. Im Programm darf eine gesellschaftliche Vision, Werte, ein Versuch, eine Utopie erkennbar sein. Ist ein Mindestlohn von zehn Euro wirklich nicht “finanzierbar”? Nicht, ohne die herrschenden gesellschaftlichen Prioritäten zu verschieben. Was sind unsere Prioritäten heute? Die dreiste Utopie des Mindestlohnes von zehn Euro macht Spaß inmitten eines Umfeldes von ohnhin ohnmächtigen Floskeln. Allerdings darf man nicht viel genauer hinschauen. Deutschland wäre um einiges ärmer, wenn es aufhören würde, Waffen an Krisenregionen und korrupte Staaten zu verkaufen. Was wollen wir zuerst kürzen, um keine Waffen verkaufen zu müssen? Wo genau steckt das schmutzige Geld eigentlich? Warum steht davon nichts im Wahlprogramm der Linken?

Leider erfüllt die Mannschaft der Linken mit Ausnahme der beiden Rhetoriker an ihrer Spitze nicht den Schalk, den ich aus diesem Programm heraushöre. Es sind zum Teil Leute, von denen auch ich nicht regiert werden möchte. Da so eine Gefahr in diesem pragmatischen Gartenzwergland ohnehin nicht besteht, darf man getrost die künstlerische Qualität des Programms loben, den kühnen groben Strich.

Oper (allgemeine Nachtkritik)

Experimentell gesinnte Opernhäuser geben in etwa alle drei Jahre ein neues Werk in Auftrag. Im Alltag erfüllen sie, genau wie die anderen Häuser, ihre Funktion als Museum für Opernkunst des 17. bis frühen 20. Jahrhunderts. Im Sommer 2009 beispielsweise wurde in Berlin ein neues Werk uraufgeführt. Die Komische Oper flirrte ein wenig. Sympathisch und gekonnt knüpfte die Musiksprache dort an, wo Alban Berg aufgehört hatte, angereichert mit klanglichen und musikdramaturgischen Errungenschaften der letzten fünfzig Jahre. Offen blieb bei all den Anspielungen, wie bewusst die musikalischen Zitate sich auch leitmotivisch auf Bergs Wozzeck bezogen, ob sie also eine subtile Verbindung des Protagonisten dieser Oper mit der Figur des Woyzeck herstellen wollten. Eine solche Verbindung wäre zumindest musikalisch originell, denn Bergs Ansatz ist damals durch die bahnbrechende Sackgasse des Serialismus so gut wie traditionslos geblieben. Man hat den Arien dieser brandneuen Oper ganz gerne zugehört. Eine Frage jedoch übertönte mehr und mehr das feine Tongespinst: Wofür wird diese ganze Mühe aufgewendet? Die Frage wäre durch eine temperamentvollere Regie abgeschwächt, wenn auch nicht beantwortet worden; wenn man beispielsweise Luk Perceval hätte überreden können, die Uraufführung zu inszenieren.
Angeblich gab es mal eine Zeit, als Komponisten getrieben waren von gesellschaftlichen und spirituellen Fragen. Sie schrieben aus Schmerz, suchten oder schwiegen unter noch größeren Schmerzen im Angesicht der Kontingenz. Singen war ein Akt, der einer inneren Spannung entsprang, einer fast krankhaften Stimmung oder Verstimmung. Opern komponieren versteht sich aus dieser Perspektive als existenzieller Akt eines von Sinnlosigkeit getriebenen, liebeskranken, an der Ungerechtigkeit der Welt verzweifelnden Menschen, der Noten aufschreibt für Stimmen, die genau diesen existentiellen Aspekt transportieren können und daher Opernstimmen sind. Dagegen ein Abend wie dieser! Woher kommt die Motivation, all diese Noten zu schreiben? Ein handwerkliches Fest, aber all diese Arbeit ohne den Sinn, der große Kulturverausgabungen legitimiert, nämlich die Arbeit an den offenen Fragen, die auf der Straße herumliegen, uns anschreien, uns fertig machen. Es war eine Oper mitten aus und in einer Gesellschaft, die zufrieden wirkt – und es gibt sicher Schlimmeres als für sich stehende Feinsinnigkeit. Aber wozu?
Im Anschluss an die Premierenfeier bewies ein Verkäufer von Obdachlosenzeitungen, was Feinsinnigkeit noch sein könnte. Keiner kaufte ihm ein Exemplar ab. Wach und anteilnehmend verfolgte er die Sorgen angestrengter Operngäste, die ratlos der Herausforderung gegenüberstanden, vom überdachten Portal aus durch den Sommerregen bis zum Taxistand am Ende der Zeile zu gelangen. Schüchtern hatte er einem Paar um die fünfzig seine abgegriffene Zeitung umsonst angeboten, unaufdringlich, sensibel für die Scheu der anderen. Dann lächelte er verständnisvoll in sich hinein über die von der Dame aufgebrachten Argumente gegenüber ihrem Begleiter, warum ein kurzer Lauf zu den Taxen nicht denkbar sei. Die Schuhe waren kein Teil der Argumentation, zogen aber auch Aufmerksamkeit auf sich. Schließlich, etwa zehn Minuten und einen unterdrückten Ehestreit später, gellte ein Pfiff durch die verregnete Straße. Der Obdachlose hatte eine freie Taxe nahen gesehen. Beherzt sprang er auf die Straße und sicherte den Wagen für das erschöpfte Paar. Stoisch ignorierten sie weiterhin den Andersartigen, als sie an ihm vorbei in das von ihm ergatterte Taxi einstiegen, kein Blick, kein Wort. Zufrieden grinsend über seinen organisatorischen Erfolg kehrte der Obdachlose auf seinen Posten auf den Stufen der Oper zurück.
Ich möchte die wohlmeinenden Produzenten der Oper nicht mit dieser Szene in Verbindung bringen und doch ergänzte sie die Eindrücke im Saal. Ohne Häme deutete sie an, dass es nicht so einfach ist, wie die Opernwelt es sich macht. Ich unterstelle, dass die meisten unvoreingenommenen Besucher das “Falsche” an solchen Opernaufführungen spüren würden. Je nach Selbstbewusstsein würden die einen ihre fehlende Bildung verantwortlich machen, die anderen die Schwäche des Werkes, verantwortlich für das Unbehagen vom ersten Auftritt an. Die aseptischen, künstlichen Figuren karikieren sich selbst, wie sie seit hunderten von Jahren in Opernaufführungen herumkaspern, anstatt ehrlich zu sein, so ehrlich, wie es uns das Theater der letzten dreißig Jahre, aber auch die musikalische Avantgarde der letzten hundert Jahre, Yves, Varèse, Eisler, Cage, Feldman, Xenakis, Nono, Berio, Kagel, usw. oder die Bluesmusik und ihre wenigen legitimen Erben im Pop des 20. Jahrhhunderts gelehrt haben. Was man zu sehen bekommt, sind Abwandlungen anderer Opernfiguren, nicht aber Abwandlungen der Wirklichkeit.
An der Komposition war musikalisch oder technisch nichts auszusetzen. Es gibt Opernkompositionen, die ihre mythische Schärfe immer schon in sich tragen, und andere, wie diese, die dafür einen Regisseur brauchen. Wofür hat denn dieses Land seit den 1950er Jahren das Regietheater in die Opernhäuser geholt und genau diese wichtige Aufgabe geübt? Es wäre sinnlos, einen abstrakten Streit für oder gegen das Regietheater am Opernhaus zu führen, denn die Frage muss Werk für Werk geklärt werden. Eine scharfe Oper braucht keine Regie, die sich in die Partitur schmiert, aber so manche musikhandwerklich spannende Partitur muss übersetzt werden für die Opernbühne, um den mythologischen Anspruch dieses unsagbar teuren kulturellen Raumschiffs zu erfüllen – und es gibt haltungsstarke Regisseure, die das könnten, so viel ist sicher.

Exploitation and absolute economic growth

Today’s CO2 concentration is higher than it ever was in the history of this planet. The reason is the ongoing industrialization since 250 years. The strange idea of absolute economic growth led to a situation, where mankind starts to pay the price for decades and centuries of exploitation. Workers have been exploited, populations have been explioted, plants and animals have been exploited, resources have been exploited, and nature as a whole has been explioted. We are at the point where the system breaks down because of exploitation.

It’s important to note: Exploitation is the unavoidable side-effect of the belief in absolute economic growth.

Relative exonomic growth is very easy to conceive of. If A grows, B shrinks. We are living in a limited system. There is a limited amount of air, of water, of earth ect. In order to let something grow, something else must loose. Take a lawn with a tree in the middle. The lawn is green and full of different sorts of grasses and flowers. The tree is impressive in its height, you would not want to cut it. But if you look beneath the tree, there is no grass and no bushes. A tree is something big, and that means a lot of small things have died for this bigness. That’s nature, that’s relative growth.

Absolute growth is a fiction. It suggests that a tree can grow without taking away resources from many small plants. It helps the big trees to claim their space, as an idea it is one of nature’s strategies for relative growth. Absolute growth would mean more air, water, earth etc. in the atmosphere than before. It’s clear that all growth takes away somewhere else, but nevetheless the idea of absolute growth has been extremely successful. It’s hard to accept that a stupid idea should be so successful.

The fiction of absolute growth helps the big trees, because it legitimizes their growth. It claims that a big tree can become bigger without taking anything away from: a) neighboring trees, b) little plants, c) future trees and plants. Why do the little plants believe in this fiction, it’s so obvious…? Because the utopia of absolute growth has aspects of a religion, the most important being the aspect of salvation. It suggests that growth will spread until it reaches everyone. This gives hope to the ones who don’t have any other chance than hope. Whereas relative growth doesn’t allow to postpone justice to some distant day of salvation.

Relative growth is reality, it’s the opposite of what a religion needs, because it implies the eternal state and repetition of the present resources and struggles. And it implies struggle… There will be no alternative to our eternal struggling for a place in the sun. You can’t live without killing. It sounds strange, but we have to accept to be killers to get rid of the most dangerous of all religions. The religion of absolute growth will have killed far more people than any other religion, the christian, the islamic, or the different variations of socialism, “stalinism” in the soviet union and “national socialism” in nazi germany.

To live means to kill, and to grow means to take away. Only when this is clear for everybody can we start to deal with our existing problems in a secular and reasonable way. Because the next question then is: do i want to grow, if that means taking away, do i let this person grow, if that means taking away? Do i want to make children…these are not rhetorical questions. It’s all open, yes, i want to grow, even if i take away from others, that’s ok, as long as it is open to everybody what i’m taking. I want to go away from a rhetorical strength to a real strength, by being rhetorically sharper than the neoliberal attitude that assumes some kind of sweet absolute growth in order to let things grow that would never grow without such ideological backup.

If the delay of salvation is gone along with the idea of absolute growth, every growth has to pay its price immediately. That has a lot of advantages. It becomes possible to judge on the singular case. To put it simple: the price of every growth becomes visible – and EVERY growth has its price. So better see it immediately, because then you can judge about the situation and not about some ideology of salvation.

Don’t postpone the price of growth. All growth is relative.

If you think we’re sinking…

… it might be appropriate to dance a last tango on the disproportional Titanic, on the sinking system of unlimited gain. If you think we’re not sinking yet, there are more options.

from: Creatures of Habit, 2004 (headphones suggested)

The violinist could decide to practice just a little bit less for just a few years and help everybody else to disempower the captain’s crew, instead. Afterwards he or she will still be a master, even miraculously play better than before. He may be more determined in posture, stance, attitude and countenance. It’s the fundament of grassroots politics, but it can’t be developped inside the political context. Rather by art.

Music is not sounding wallpaper or simply a mathematical description of time. It’s also about posture in a very physical and direct sense. The body of a music is its statement, consciously or not.

19.12.08

Here I can write down my skittish, volatile, and way-ward assumptions about eternal laws of life.

Links

For important links to interesting pages about climate policy, climate science etc. click here.

  1. Walking links (US only so far, because in Europe, Africa, Asia, and South America walking is more normal):

Global Weather

How can anyone write music on sinking Titanic? With ice shelfs ahead. To play music on sinking Titanic is the best thing to do, anyway. But not the only one.

Halfhearted EU climate package decisions in December 2008 proof that the old lobby forces are still stronger than the evidence of the species’ interest in major political change. We are still not loud enough to shout up to the captain’s brigde that they’d better watch out where they’re driving that luxurious steamboat. Check this video.

When everyday business keeps us in the machine rooms at the bottom of Titanic, the choir for change can’t be heard. The election of Obama changed the feeling. He seems to stand for migrating benevolent philantropic humans. He’s on the captain’s bridge of one shipwrecked country, but still influential. If he doesn’t succeed, at least he showed us how to get there…

Everybody sooner or later will be forced to find the natural balance of expenses and gains. Convenience isn’t necessarily an acquisition. Why drive when you could walk for half an hour? It’s such a luxurious state for the body to walk for half an hour. We have to reset our values. No other choice. But it’s worth it, anyway. Whoever playfully tried to omit convenience that doesn’t make happy, knows the stunning result: only very selected convenience wants to be sustained from this perspective.

That’s on the “private” side. Climate Policy will be the most decisive realm of politics in the next months and years. Check out this Climate Policy Library with a lot of serious material, instructive links and hopefully some constructive interactive discussion about the priorities of our time.

You can find a report I wrote about Climate Policy in Times of Financial Crisis.

For a collection of climate change links click here or go to the 5th Category to your right.